Inter* und trans* Geflüchtete richtig unterstützen

Inter* und trans* Menschen werden in einigen Ländern verfolgt und müssen deswegen flüchten. Wie können Sie als Sozialarbeiter_in, Berater_in oder Ehrenamtliche_r sie in ihrem Asylverfahren unterstützen?

Die Verfolgung aufgrund der GeschlechtsidentitätDie Geschlechtsidentität bezeichnet das Wissen und Empfinden eines Menschen über sein eigenes Geschlecht. ist in Deutschland ein anerkannter Asylgrund. Trotzdem stehen inter*Intergeschlechtliche (lat. 'inter': zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. und trans*Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Geflüchtete vor vielen Problemen. Wenn Sie ehrenamtlich oder beruflich im Bereich Flucht arbeiten, können Sie viel zur Unterstützung von trans* und inter* Geflüchteten beitragen.

Wie weiß ich, ob eine geflüchtete Person trans* oder inter* ist?

Viele trans* und inter* Geflüchtete outenAls Comingout (engl. 'come out': herauskommen) wird der Prozess bezeichnet, die eigene Identität, sexuelle Orientierung, Lebensweise oder Körperlichkeit öffentlich zu machen, obwohl sie von herrschenden Normen abweicht. sich (zunächst) nicht, weil sie negative Folgen und weitere Diskriminierung fürchten. Mit Trans*-, Inter*- und LSBTIQ'LSBTIQ' oder ähnliche Zusammensetzungen dienen als Abkürzung für 'Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen'. 'Lsbtiq' steht entsprechend für 'lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich und queer'.-Symbolen und sichtbar ausliegenden (mehrsprachigen) Materialien können Sie Offenheit signalisieren und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen. Für viele kann es trotzdem eine große Hürde sein, solche Materialien an sich zu nehmen – zum Beispiel aus Angst, infolgedessen in der Unterkunft geoutet zu werden. Deshalb ist es wichtig, den Personen eine anonyme oder geschützte Kontaktaufnahme zu ermöglichen.

Außerdem identifizieren sich nicht alle als "trans*" oder "inter*" oder wissen nicht, was diese Begriffe bedeuten. Manche identifizieren sich mit Begriffen zu sexueller OrientierungDie sexuelle Orientierung beschreibt, mit Menschen welchen Geschlechts oder welcher Geschlechter jemand eine sexuelle und/oder romantische Beziehung eingehen möchte.. Einige inter* Geflüchtete wissen lediglich, dass ihr Körper nicht der (endogeschlechtlichenDer Begriff 'endogeschlechtlich' oder 'endo' (griech. 'éndon': innen, innerhalb) beschreibt Menschen, die nicht inter* sind, das heißt, deren Körper sich nach medizinischen Normen eindeutig als nur weiblich oder nur männlich einordnen lassen.) NormGesellschaftliche Normen (lat. 'norma' Richtschnur, Regel) bezeichnen allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Verhaltensregeln, die das Zusammenleben von Menschen organisieren. entspricht oder dass geschlechtsveränderndeMit geschlechtsverändernden Eingriffen wird der Körper von intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen so verändert, dass sie den aktuellen Vorstellungen über einen 'typisch' männlichen oder weiblichen Körper entsprechen. Eingriffe vorgenommen wurden. Sorgfältige inter*- und trans*-sensibilisierte Beratung ist dann unabdingbar.

Auch hilft es, grundsätzlich allen Asylsuchenden die verschiedenen Gründe zu erklären, aufgrund derer Asyl beantragt werden kann, inklusive Geschlechtsidentität und/oder sexueller Orientierung.

Welche Probleme gibt es in Asylverfahren?

Asylverfahren stellen eine große Belastung dar. Die für die Verfahren zuständigen Personen sind meist nicht inter*- und trans*-sensibilisiert. Dadurch passiert es recht häufig, dass Geflüchtete misgendertMisgendern (engl. 'misgender': falsch gendern, das falsche Geschlecht verwenden) bedeutet, einen Menschen mit dem falschen Pronomen, dem falschen Namen oder falsch gegenderten Begriffen anzusprechen beziehungsweise zu bezeichnen. werden und die Fragen, die ihnen zu Körper und Sexualität gestellt werden, übergriffig und teilweise diskriminierend ausfallen. Dem kann durch die Beantragung einer_s "Sonderbeauftragte_n" beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) begegnet werden, die_der zu Verfolgung wegen Geschlechtsidentität geschult ist.1

Auch ist wichtig, dass inter* und trans* Geflüchteten vor ihrem ersten Interview beim BAMF – oder bestenfalls bereits vor der Antragstellung – der Kontakt mit einer Beratungsstelle für lsbtiq Geflüchtete ermöglicht wird. So können sie sich besser auf die Anhörung vorbereiten und werden im Asylprozess unterstützt.

Medizinische Gutachten

Wenn möglich, sollte versucht werden zu verhindern, dass im Rahmen des Asylantrages ein medizinisches Gutachten angeordnet wird. Diese werden insbesondere bei inter* Personen häufig eingefordert und sind psychisch enorm belastend. Das kann jedoch umgangen werden, indem bereits vor der Anhörung ein Bericht von inter*-sensiblen Mediziner_innen eingeholt und so ein Zwangsgutachten von möglicherweise wenig informierten und sensibilisierten Ärzt_innen verhindert wird. 

Außerdem ist es wichtig, alle Asylgründe abzuklären: Inter* (und trans*) Geflüchtete müssen nicht zwingend Verfolgung aufgrund der Geschlechtsidentität geltend machen, falls auch andere Gründe vorliegen. 

Sprachmittlung

Im Idealfall sind Dolmetscher_innen trans*- und inter*-freundlich und kennen die entsprechenden Begrifflichkeiten. Im Asylverfahren können Dolmetscher_innen jedoch nicht frei gewählt werden. Geflüchtete dürfen aber intervenieren, wenn falsch übersetzt wird oder Dolmetscher_innen trans- oder interfeindliche Äußerungen machen. Es ist außerdem möglich, den Austausch von Dolmetscher_innen einzufordern. Auch kann beantragt werden, dass die_der Dolmetscher_in weiblich (oder männlich) ist und nicht aus dem gleichen Herkunftsland kommt. 

Welche Gesundheitsbedarfe haben inter* und trans Geflüchtete?

Viele inter* und trans* Geflüchtete haben spezifische Gesundheitsbedarfe, wie Hormonverschreibungen und andere geschlechtsangleichende MaßnahmenAls geschlechtsangleichend werden medizinischen Behandlungen bezeichnet, die den Körper an die eigene Geschlechtsidentität anpassen.. Geflüchtete, die einen Aufenthaltstitel haben, sind staatlich krankenversichert. Für sie werden dieselben Kosten übernommen wie für alle anderen Menschen, die in einer gesetzlichen Krankenkasse sind.

Während des Asylverfahrens, oder nach einer Ablehnung, haben Geflüchtete weniger Anrechte auf eine gesundheitliche Versorgung. Eine Hormonbehandlung kann aber oft trotzdem genehmigt werden.2

Wie kann ich inter* und trans* Geflüchtete sonst noch unterstützen?

Am besten ist es, Geflüchtete selbst zu fragen, was sie brauchen, sowie aufzuzeigen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.

Viele Geflüchtete sind Rassismus ausgesetzt – nicht nur in ihrem Lebensalltag, sondern zum Teil auch in Behörden, durch Gesundheitspersonal oder andere Fachkräfte, wenn es diesen beispielsweise noch an notwendigem Wissen und Sensibilisierung mangelt. Auch hierbei gilt es, Geflüchtete entsprechend zu unterstützen. Wichtig ist, Entscheidungen nie ohne Zustimmung der geflüchteten Person zu treffen oder umzusetzen.

Inter* und trans* Personen mit Flucht- oder Migrationserfahrung, die im Bereich Flucht arbeiten, sind oft die besten Ansprechpersonen bei Fragen. Sie können trans*- und inter*-sensible Anlaufstellen und Weiterbildungen empfehlen.

1 Heithoff, Freddie*/Schäfer, Mika (2019): Trans* Geflüchtete Willkommen! Ein Ratgeber für neu zugewanderte und geflüchtete trans* Menschen. Herausgegeben von rubicon e.V. in Kooperation mit dem Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://rubicon-koeln.de/wp-content/uploads/2020/06/Brosch%C3%BCre-trans-Gefl%C3%BCchtete-deutsch.pdf; Held, Nina (2018): Projektbericht – Erfahrungen mit der Anhörung von LSBTIQ* Geflüchteten. Herausgegeben von SOGICA Projekt, Rainbow Refugees Cologne-Support Group e.V., Aidshilfe Düsseldorf e.V., You’re Welcome – Mashallah Düsseldorf, Kölner Flüchtlingsrat e.V. und Projekt Geflüchtete Queere Jugendliche, Fachstelle Queere Jugend NRW / Schwules Netzwerk NRW e.V. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://schwules-netzwerk.de/wp-content/uploads/2018/10/Projektbericht-zur-Anh%C3%B6rung-von-LSBTIQ-Gefl%C3%BCchteten.pdf.

2 Heithoff, Freddie*/Schäfer, Mika (2019): Trans* Geflüchtete Willkommen! Ein Ratgeber für neu zugewanderte und geflüchtete trans* Menschen. Herausgegeben von rubicon e.V. in Kooperation mit dem Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://rubicon-koeln.de/wp-content/uploads/2020/06/Brosch%C3%BCre-trans-Gefl%C3%BCchtete-deutsch.pdf