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Mein trans* Kind kommt in die Pubertät

Egal ob im Kinder- oder Jugendalter: ein Comingout ist ein großes Geschenk an die Eltern. Es zeugt von Vertrauen und ermöglicht eine gemeinsame Reise in die Welt der geschlechtlichen Vielfalt. Hier finden Sie Tipps, wie Sie Ihr trans* Kind in seiner Pubertät und Jugend unterstützen können.

Trans*Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Jugendliche sind an erster Stelle genau das: Jugendliche. Sie brauchen die gleiche Liebe, Zuwendung, Geborgenheit und Anerkennung wie alle anderen Jugendlichen. Ihr Alltag ist so bunt wie beim Rest der Gruppe.

Dennoch kann die Pubertät eine besondere Herausforderung sowohl für die junge Person als auch für ihre Eltern oder Geschwister sein. Denn bei trans* Kindern droht der Körper sich in eine Richtung zu entwickeln, die nicht die gewünschte ist. Es stellt sich die Frage, ob medizinische Maßnahmen wie etwa "Pubertätsblocker" oder andere Hilfsmittel notwendig sind, damit sich Ihr Kind mit seinem Erscheinungsbild wohl fühlt.

Auch weitere Möglichkeiten sind auszuloten: Möchte Ihr Kind vielleicht einen für sich passenderen Namen verwenden und auch von anderen mit diesem angesprochen werden? Wie öffentlich möchte Ihr Kind mit seiner TransgeschlechtlichkeitTransgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. umgehen und was heißt das auch für Ihre Gespräche mit Lehrkräften, Familienmitgliedern und Bekannten? Wo finden Sie und Ihr Kind Menschen mit ähnlichen Erfahrungen? Und wie können Sie Ihr Kind und sich selbst vor Diskriminierung und Anfeindungen schützen?

Die Familie, ein sicherer Hafen

Angesichts solcher neuen Fragen ist es umso wichtiger, dass Sie offen mit Ihrem Kind sprechen, richtig zuhören und auf das Gesagte achten. 

Jugendlichen nach einem ComingoutAls Comingout (engl. "come out": herauskommen) wird der Prozess bezeichnet, die eigene Identität, sexuelle Orientierung, Lebensweise oder Körperlichkeit öffentlich zu machen, obwohl sie von herrschenden Normen abweicht. mit einer offenen Haltung zu begegnen, ermöglicht ihnen, die eigene Identität im eigenen Tempo und ohne Druck zu erforschen, ohne sich konkreten Erwartungen beugen zu müssen. Zu diesen Erwartungen gehört unter anderem, sich in ein binäres Geschlechtersystem – also als Mädchen oder Junge – einzuordnen, oder klare, endgültige Aussagen zu sich selbst und den eigenen Wünschen zu treffen – beispielsweise bei Fragen zum Namen, zu medizinischen Maßnahmen oder auch dazu, ob sie "ganz sicher" trans* seien. 

Auch für Sie als Eltern ist es wichtig, auf sich selbst zu hören und sich selbst offen zu begegnen. So können eigene Denkmuster und Vorurteile erkannt werden. Achten Sie auch auf Ihre eigenen Grenzen und holen Sie sich bei Bedarf Hilfe. Beratungsangebote oder Selbsthilfegruppen sind gute Anlaufstellen.

Die Selbstbestimmung Ihres Kindes über seinen Körper achten

Die Pubertät bringt viele Körperveränderungen mit sich. Es gibt trans* Jugendliche, für die diese Entwicklung in Ordnung ist. Bei anderen verursacht die Aussicht, dass ihr Körper Merkmale eines GeschlechtsGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … ausbilden wird, das sie nicht als ihres erleben, eine große seelische Not. In diesem Fall können sogenannte "Pubertätsblocker" eine Lösung sein. Dabei handelt es sich um ein Medikament, das diese Entwicklung anhält und unumkehrbare körperliche Veränderungen wie zum Beispiel einen Stimmbruch erstmal verhindert. 

Nach erfolgter ärztlicher Indikation werden Pubertätsblocker von Endokrinolog_innen für eine begrenzte Zeit verabreicht. Beim Absetzen der Pubertätsblocker nimmt die biologische Entwicklung ihren ursprünglichen Verlauf wieder auf. Sollte dies nicht gewünscht sein, können anschließend an diese aufschiebende Behandlung gegengeschlechtliche Hormone eingenommen werden, die den Körper die gewünschten äußerlichen Merkmale entwickeln lassen. Weitere gegebenenfalls gewünschte geschlechtsangleichende Behandlungen – wie zum Beispiel Operationen – können zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Manche Jugendliche äußern ihren TransitionswunschAls Transition (engl.: Übergang, Durchquerung) bezeichnen transgeschlechtliche Menschen den Zeitraum der Annäherung an ihr empfundenes Geschlecht. erst, wenn die Pubertät bereits angefangen hat. Dann ist häufig eine schnelle Unterstützung nötig. Pubertätsblockende Medikamente können auch hier helfen und viel akuten Druck nehmen. Selbst wenn manche körperliche Veränderungen bereits stattgefunden haben, ist eine Linderung von späten Auswirkungen der Pubertät wie zunehmende Behaarung, weiteres Brustwachstum oder breites Becken möglich.

Während der Pubertät ist es äußerst wichtig, auf die Wünsche der jungen trans* Person zu hören und auf sie einzugehen. Auch eine gute Vertrauensbeziehung zu den behandelnden Personen ist wichtig, um offen über medizinische Möglichkeiten, Nebenwirkungen und Konsequenzen zu sprechen. Gespräche mit Beratungsstellen oder mehreren Ärzt_innen können helfen, sich eine Meinung zu bilden. Auch bieten sie Unterstützung bei weiteren Fragen – zum Beispiel zu Kinderwunsch im Erwachsenenalter – oder wenn eine Hormontherapie aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist.

Der Name ist wichtig

Eine trans* Person kann jederzeit entscheiden, welchen Vornamen sie tragen möchte. Und natürlich darf sie auch darauf bestehen, dass alle Menschen sie mit dem gewünschten Namen und Pronomen ansprechen. Es spricht rechtlich nichts dagegen, dass etwas offiziellere Dokumente wie Zeugnisse oder die Krankenversichertenkarte auf den gefühlten Namen ausgestellt werden. Aber auch ohne solche Dokumente kann Ihr Kind von anderen Personen richtig adressiert werden – sprechen Sie hierzu die Leute (zum Beispiel Lehrer_innen oder Mitarbeitende in der Gesundheitsversorgung) direkt an; sie sind oft sehr hilfsbereit.

Über eine Namens- und/oder Personenstandsänderung im Personalausweis oder Reisepass kann nur von einer_m Richter_in im Rahmen eines Verfahrens gemäß dem "Transsexuellengesetz" (TSG) entschieden werden. Insbesondere die dazu erforderlichen zwei Begutachtungen können eine große psychische Belastung für einen jungen Menschen bedeuten. Auch wenn die meisten Anträge von Erwachsenen positiv beschieden werden, bleibt der Prozessausgang besonders bei Minderjährigen ungewiss1; oft hängt er vom Alter der antragsstellenden Person ab. Das Anstoßen dieses Prozesses sollte daher gut überlegt sein.

Einen Mittelweg stellt der sogenannte "Ergänzungsausweis" dar. Dieser wird von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) ausgestellt. Der Ergänzungsausweis enthält den gewünschten Namen und das gewünschte Pronomen sowie die Nummer des Personalausweises, auf den er bezogen ist. Mehr Informationen dazu gibt es hier. Allerdings bedeutet die Benutzung dieses Ausweises eine Offenlegung der eigenen Transgeschlechtlichkeit.

Den Alltag bewältigen

Egal in welchem Alter und in welcher Situation Ihr Kind ein ComingoutAls Comingout (engl. "come out": herauskommen) wird der Prozess bezeichnet, die eigene Identität, sexuelle Orientierung, Lebensweise oder Körperlichkeit öffentlich zu machen, obwohl sie von herrschenden Normen abweicht. und/oder eine TransitionAls Transition (engl.: Übergang, Durchquerung) bezeichnen transgeschlechtliche Menschen den Zeitraum der Annäherung an ihr empfundenes Geschlecht. gemacht hat, fühlen Sie sich nicht verpflichtet, Verwandte, Erzieher_innen oder Lehrkräfte über bestimmte Themen oder Details zu informieren. Trans* Jugendliche verfügen über genug Lebenserfahrung, um selbst entscheiden zu können, wem, wie, wann und in welchem Rahmen sie etwas sagen möchten; das sollten Sie nie ohne Rücksprache mit Ihrem Kind übernehmen. Themen wie GeschlechtsidentitätDie Geschlechtsidentität bezeichnet das Wissen und Empfinden eines Menschen über sein eigenes Geschlecht., Transition oder medizinische Maßnahmen gehören zum privaten Bereich und somit direkt der_dem Jugendlichen. 

Eltern können manchmal in Zweifel geraten, ob sie die für ihr Kind richtigen Entscheidungen treffen oder sich von ihrer Umgebung (Nachbarschaft, Schule) unter Druck gesetzt fühlen. Beratungsstellen, Trans*-Vereine oder Selbsthilfegruppen sind für Eltern gute Anlauforte um sich darüber auszutauschen.

Trans* Menschen sind zum Teil sehr gut vernetzt. Die Trans*-CommunityDer Begriff "Community" (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen. verfügt über verschiedene Anlaufstellen wie zum Beispiel LSBTIQ"LSBTIQ" oder ähnliche Zusammensetzungen dienen als Abkürzung für "Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen". "Lsbtiq" steht entsprechend für "lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich und queer".-Zentren, Trans*-Treffpunkte und Trans*-Jugendgruppen, wo sich trans* Menschen und/oder deren Angehörige und Freund_innen vernetzen oder einfach Zeit zusammen verbringen. So können sich Jugendliche mit Gleichaltrigen austauschen oder mit trans* Erwachsenen sprechen und sich ein Bild machen, wie diese leben. Das Treffen und der Austausch mit anderen Menschen sind oft sehr empowerndDurch Empowerment (dt.: Ermächtigung, Stärkung) wird die Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit von Menschen oder Gemeinschaften verbessert. und eine ausgezeichnete Quelle für Informationen aller Art. Ermutigen und unterstützen Sie Ihr Kind dabei, Kontakt mit anderen trans* Menschen aufzunehmen, wenn er_sie daran Interesse hat.

Mit Anfeindungen umgehen

Anfeindungen und Diskriminierungen können schmerzliche Erfahrungen sein, die wir alle irgendwann im Leben machen. Eine absolute Absicherung gegen diskriminierendes Verhalten gibt es nicht, deswegen ist sehr wichtig, zum Kind zu stehen und dem Kind in der Haltung, dass er_sie nicht falsch ist, zu unterstützen. Geben Sie im Rahmen der Erziehung Ihrem Kind die Werkzeuge in die Hand, damit sie_er respektloses Verhalten erkennt, zu sich selbst steht und Anfeindungen möglichst unbeschadet überstehen kann. 

Manchmal hilft es, schon vor dem Comingout vor Verwandten oder in der Schule über das Thema Geschlechtsidentität zu informieren und dafür zu sensibilisieren. Das Gespräch mit Menschen zu suchen, die – eventuell unbeabsichtigt – eine verletzende Äußerung gemacht haben, hilft oft, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und wiederholten Verletzungen entgegenzuwirken. Stößt man weiterhin auf Unverständnis, können die Klassenlehrer_in, Vertrauenslehrer_in oder die Schulleitung hinzugezogen werden und erneut das Gespräch gesucht werden. Es gibt auch die Möglichkeit, Initiativen in die Schule einzuladen, die über das Thema Transgeschlechtlichkeit aufklären oder Präventionstrainings anbieten.

Es gibt jedoch auch äußerst bösartiges diskriminierendes Verhalten, das bis zum Mobbing reichen kann. Solche Fälle müssen äußerst ernst genommen und – zum Beispiel bei der Schulaufsicht – gemeldet werden, gegebenenfalls sollte sogar Anzeige erstattet werden. Auch hier helfen Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen weiter.

Die Pubertät ist eine Zeit, in der Jugendliche mehr Eigenständigkeit gewinnen wollen und sollen. Gleichzeitig bringt Transgeschlechtlichkeit Menschen automatisch in Verhältnisse der Abhängigkeit – zum Beispiel gegenüber Ärzt_innen, die über die Hormongabe entscheiden, Lehrkräften, die über die Verwendung des richtigen oder falschen Namens entscheiden können, und so weiter. Lassen Sie sich von Hindernissen und Unkenntnis in der Gesellschaft nicht entmutigen: Lesen Sie, sprechen Sie mit anderen Menschen, hören Sie Ihrem heranwachsenden Kind zu, und vor allem, genießen Sie Ihr Kind und die Horizonterweiterung, mit dem er_sie Sie beschenkt hat!

Adamietz, Laura/Bager, Katharina (2017): Regelungs- und Reformbedarf für transgeschlechtliche Menschen. Begleitmaterial zur Interministeriellen Arbeitsgruppe Inter- & Transsexualität, Bd. 7. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 12 und 194. Zuletzt abgerufen am 07.12.2017 von https://www.bmfsfj.de/blob/jump/114064/regelungs--und-reformbedarf-fuer-transgeschlechtliche-menschen---band-7-data.pdf.


Autor_in: J.O.

Kurzbiografie: J.O. ist Elternteil eines trans* Kindes, das sich bereits im frühen Alter geoutet hat. In den letzten sieben Jahren hat J.O. ihr Kind in allen alltäglichen Situationen begleitet und unterstützt, von Kita bis zur Schule, im Sportverein, bei Freund_innen oder mit der Verwandtschaft. Seit mehreren Jahren bringt sich J.O. aktiv in verschiedenen Trans*-Vereinen ein.