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Mein neugeborenes Kind ist intergeschlechtlich

Hat Sie die Intergeschlechtlichkeit Ihres neugeborenen Babys völlig überrascht? Haben Sie vielleicht bis zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass Ihr Kind nur ein Mädchen oder ein Junge werden könne? Hier finden Sie meine Antworten als Mutter zur ersten Orientierung bei den sich nun aufdrängenden Fragen.

Liebe Eltern,

zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt Ihres Kindes! Dieser kleine Mensch wird in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren im Mittelpunkt Ihres Lebens stehen und Ihnen und Ihrer ganzen Familie viel Freude machen. Sie werden erleben, wie sich Ihr Kind entwickelt, seine Umwelt wahrnimmt und Beziehungen zu Familienmitgliedern, Ihren Freund_innen und Bekannten aufbaut. Und in all diesen Dingen unterscheidet sich Ihr Baby nicht von allen anderen Neugeborenen. 

Es kann sein, dass für Sie die Nachricht von der IntergeschlechtlichkeitIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. (IntersexualitätIntersexuelle (lat. "inter": zwischen, "sexus": Geschlecht) beziehungsweise intergeschlechtliche Menschen haben körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen.) im Moment alle positiven Erfahrungen mit Ihrem Neugeborenen und die Glücksgefühle überschattet. Aber lassen Sie nicht zu, dass die Verunsicherung und die damit zusammenhängenden Fragen die Beziehung zu Ihrem Baby belasten. Ich bin selbst Mutter eines intergeschlechtlichenIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Kindes und habe meine Antworten auf einige für Sie jetzt vielleicht wichtige Fragen zusammengestellt.

Mein Kind ist intergeschlechtlich – was nun?

Nehmen Sie sich viel Zeit, Ihr neues Familienmitglied als ganz individuelles Wesen kennenzulernen. Sie wissen, dass das GeschlechtGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … nur ein Aspekt jedes Menschen ist. Und auch wenn immer noch eine der ersten Fragen an Eltern von Neugeborenen die Frage nach dem Geschlecht ist, so kann dies bei allen Kindern eigentlich nur so beantwortet werden: "Wir wissen es nicht, es spricht noch nicht!" Denn auch bei Kindern, deren Genitalien eine Zuordnung zulassen, kann sich dies später als falsch herausstellen.

Ich will das Beste für mein Kind – was kann ich tun?

Die Frage, die alle Eltern eines Neugeboren antreibt, lautet: Was kann ich tun, damit mein Kind glücklich wird? Und diese Frage ist im Grunde ganz leicht zu beantworten: Nehmen Sie Ihr Kind als ein großes Geschenk an und schenken Sie ihm Ihre Liebe zurück. Das ist die beste Voraussetzung für ein gesundes Selbstvertrauen und Beziehungsfähigkeit. Und lassen Sie sich Zeit. Sie haben nicht damit gerechnet, dass Ihr Kind weder als Junge noch als Mädchen geboren wird – geben Sie der neuen Situation den jetzt nötigen Raum.

Welcher Name und Geschlechtseintrag passen für mein Kind?

Nach dem Personenstandsrecht können Kinder, deren Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig feststellbar ist, ohne Geschlechtsangabe ins Geburtenregister eingetragen werden. Zudem haben Sie die Möglichkeit, den GeschlechtseintragAls Geschlechtseintrag wird der behördliche Vermerk über das Geschlecht im Geburtsregister und in Ausweisdokumenten bezeichnet. "divers" für Ihr Kind zu wählen.

Doch wie soll Ihr Kind jetzt heißen? Wenn Sie sich schon vor der Geburt auf einen typischen Jungen- oder Mädchennamen festgelegt haben, lohnt es, noch einmal darüber nachzudenken, ob Sie dabei bleiben wollen. Vielleicht erleichtert ein schöner geschlechtsneutraler Name (auch Unisex-Namen genannt) allen Beteiligten den Alltag. Vorschläge finden sich zum Beispiel im Internet. 

Wo finde ich Antworten auf medizinische Fragen?

Informieren Sie sich in aller Ruhe und nutzen Sie die Erfahrung von Peer-Beratungsstellen bei der Suche nach Kliniken oder Ärzt_innen, die gemäß den geltenden Leitlinien1 behandeln und die Selbstbestimmungsrechte Ihres Kindes achten. 
Wichtig ist es, alle Informationen, die Sie von medizinischem Personal bekommen, in schriftlicher Form einzufordern. So können Sie diese zu Hause noch einmal nachlesen und gemeinsam als Eltern oder mit Personen Ihres Vertrauens besprechen. 

Welche Untersuchungen oder Behandlungen sollte ich durchführen lassen?

Für Untersuchungen und Behandlungen von Kindern gilt generell: Alles, was im Moment nicht medizinisch notwendig ist, kann und sollte auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Dies gilt vor allem für chirurgische Eingriffe. 

Gleich nach der Geburt Ihres intergeschlechtlichen Kindes erscheint Ihnen vielleicht die Möglichkeit einer operativen Angleichung seines Genitals an ein "typisch" weibliches oder "typisch" männliches Aussehen als Ausweg aus der als schwierig empfundenen Situation. Bitte lassen Sie sich von niemandem unter Druck setzen. Geben Sie sich und Ihrem Kind die Zeit, über einen solch schwerwiegenden Eingriff in Ruhe nachzudenken und dessen Konsequenzen abzuwägen. Wichtig ist vor allem, das Selbstbestimmungsrecht Ihres Kindes zu achten. Über Operationen am Genital oder an den Keimdrüsen (auch Gonaden genannt) sollte Ihr Kind später, wenn es sich der Folgen bewusst ist, selbst entscheiden können. 

Vielleicht befürchten Sie, dass Ihr Kind später ausgegrenzt wird, und möchten dies vermeiden. Doch bedenken Sie: Operationen am Genital bewahren Ihr Kind nicht vor Ausgrenzung. Schützen Sie Ihr Kind, indem Sie sein Selbstvertrauen stärken. Selbstbewusste Kinder können unfaire Behandlung als solche erkennen. Sie wissen sich gegen Mobbing zu wehren und dass sie sich Hilfe holen können.  

Wie spreche ich in der Familie über mein Kind?

Aus meiner Erfahrung weiß ich: Eine Familie funktioniert, wenn ihre Mitglieder einander vertrauen können – und Vertrauen basiert auf Ehrlichkeit. Versuchen Sie, allen Familienmitgliedern die Besonderheit Ihres Kindes in Grundzügen zu erklären. Geschwistern können Sie zum Beispiel erzählen, dass das neue Geschwisterchen "Puzzlesteine vom Mädchen und vom Jungen" hat, ohne dies negativ zu bewerten. Weisen Sie Familienangehörige darauf hin, dass das Baby später selbst entscheiden kann, ob es ein Junge, ein Mädchen oder ein "Jungemädchen" sein möchte. 

Informiere ich den Kindergarten oder die Schule der Geschwisterkinder?

Rechnen Sie damit, dass ältere Kinder die Information über die Besonderheit des Geschwisterchens im Kindergarten und in der Schule weitergeben. Daher scheint es mir hilfreich, auch die Erzieher_innen und Lehrer_innen Ihrer älteren Kinder zu informieren. Weisen Sie auf den Wunsch nach Vertraulichkeit dieser Information anderen Erwachsenen gegenüber hin und fordern Sie gegebenenfalls einen angemessenen Umgang, wenn das Thema in der Einrichtung angesprochen wird. Für die Behandlung des Themas "Intergeschlechtlichkeit" in Kindergarten und Schule gibt es geeignete Kinderbücher.

Was erzähle ich Bekannten und Freund_innen?

Überlegen Sie sich schon im Vorfeld, wie Sie mit Nachfragen von Erwachsenen aus Ihrem Umfeld umgehen wollen. Eine kurze Information darüber, dass bei Ihrem Kind eine Variation der Geschlechtsentwicklung vorliegt und dazu noch Untersuchungen gemacht werden, wird in der Regel von den Nachfragenden akzeptiert. Sie selbst entscheiden, wen Sie über medizinische Details aufklären. 

Es gibt heute einige Eltern, die ganz offen mit der Intergeschlechtlichkeit ihres Kindes umgehen und damit gute Erfahrungen gemacht haben. 

Ihre Erfahrung hat sie gelehrt, je gelassener und selbstverständlicher von den Angehörigen über dieses Thema gesprochen wird, desto besser gelingt die Verarbeitung aller möglichen Reaktionen des Umfeldes.

In welchem Geschlecht soll ich mein Kind erziehen?

Für Ihr Neugeborenes ist die Zuordnung zu einem Geschlecht noch nicht notwendig. Wie bei jedem Kind können Sie sich darauf konzentrieren, ihm Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln und eine Umgebung zu schaffen, die Anregungen für die geistige Entwicklung bietet. Unterstützen Sie Ihr Kind, wenn es größer ist, seine eigene geschlechtlicheGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … Identität zu finden. Erklären Sie Ihrem Kind, dass ein intergeschlechtlichesIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Kind selbst entscheiden kann, ob es sich als Junge, als Mädchen oder als Inter*Intergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. fühlt. 

Akzeptieren Sie bitte auch, falls Sie sich im Rahmen eines "Erziehungsgeschlechts" für "er" oder "sie" entschieden haben, den Wunsch Ihres Kindes, dies – gegebenenfalls auch mehrfach – zu ändern.

Welches Spielzeug soll ich auswählen?

Egal ob Mädchen, Junge oder inter* Kind: Babys und Kleinkinder spielen gern mit allem, was sich bewegt oder bewegen lässt, ihren Forschungsdrang stillt und ihre Fantasie anregt. Und wenn Ihr Kind dann größer wird und in den Kindergarten geht, bieten Sie ihm viele verschiedene Spielzeuge an und lassen Sie es selbst herausfinden, womit es am liebsten spielen möchte. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Kind einen eigenen Weg finden wird und unterstützen Sie es dabei. 

Wie spreche ich mit meinem Kind über seine Intergeschlechtlichkeit?

Wenn Ihr Kind in ein Alter kommt, in dem Unterschiede zwischen Geschlechtern wahrgenommen und angesprochen werden, können Sie mit Ihrem Kind über seine Besonderheit sprechen. Wichtig ist, dass Sie ihm dabei immer vermitteln, dass diese Besonderheit kein Makel ist. Sie können Ihrem Kind erklären, dass jeder Mensch einzigartig ist und dass diese Einzigartigkeit nicht nur für die Körpergröße oder Nasen und Ohren, sondern auch für den Genitalbereich gilt.

Vielleicht veranschaulichen Sie Ihrem Kind, dass jeder Junge auch weibliche Anteile und jedes Mädchen männliche Anteile hat. Hier kann Ihnen zum Beispiel das Bild der Puzzlesteine helfen. Stellt Ihr Kind später genauere Nachfragen – unter anderem zu medizinischen Zusammenhängen – nehmen Sie seine Fragen ernst und beantworten Sie sie offen und altersgerecht.

Wie bekomme ich Kontakt zu anderen Familien mit inter* Kindern?

In ganz Deutschland gibt es Familien mit intergeschlechtlichen Kindern unterschiedlichen Alters. Vielleicht haben Sie Lust, sich mit einigen dieser Familien zu treffen. Möglicherweise hatten diese gleich nach der Geburt ihres Kindes die gleichen Fragen wie Sie und haben nun bereits ihre Antworten gefunden. Es ist ein schönes Gefühl, in einer Runde mit weiteren Eltern intergeschlechtlicher Kinder zu sein. 

Für die Kinder sind die Familientreffen der Selbsthilfe eine wunderbare Erfahrung, denn hier können sie durch den Kontakt mit anderen intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erleben, wie gängige Alltagssituationen gemeistert werden. Den Kontakt können Sie über Beratungsstellen oder das Internet herstellen.

Deutsche Gesellschaft für Urologie/Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie/Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (Hrsg.) (2016): S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung. Zuletzt abgerufen am 04.12.2018 von www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/174-001l_S2k_Geschlechtsentwicklung-Varianten_2016-08_01.pdf.


Autor_in: Maria Blume

Kurzbiografie: Maria Blume, selbst Mutter eines intergeschlechtlichenIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Kindes, ist Pädagogin, ehrenamtlich im Verein Intersexuelle Menschen e.V. tätig und Mitglied der Elterngruppe in der Selbsthilfegruppe XY-Frauen.

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