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Intergeschlechtlichkeit als Thema in der pädagogischen Arbeit

Hier finden Sie Anregungen, wie Sie als pädagogische Fachkraft Intergeschlechtlichkeit thematisieren sowie intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche unterstützen können.

Warum ist das Thema Intergeschlechtlichkeit für mich als Pädagog_in wichtig?

Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, über die reale Vielfalt menschlicher Körper aufgeklärt zu werden. Dies trifft sowohl auf intergeschlechtlicheIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. als auch nicht-intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche zu. Da in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen ebenso wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen bislang ein Verständnis von Geschlecht überwiegt, das intergeschlechtliche Menschen nicht mitabbildet, besteht hier Handlungsbedarf – zumal es seit Januar 2019 nun auch den dritten positiven Geschlechtseintrag "divers" im Personenstandsrecht gibt.

Die Unsichtbarmachung und DiskriminierungDiskriminierung (lat. "discriminare": trennen, unterscheiden) bedeutet, dass Menschen schlechter behandelt werden oder Nachteile für sie bestehen, weil sie bestimmte Merkmale haben beziehungsweise ihnen diese Merkmale zugeschrieben werden. von Intergeschlechtlichkeit trifft intergeschlechtliche Menschen in besonderem Maße, hat aber auch negative Folgen für nicht-intergeschlechtliche Menschen: ob das der Bartwuchs bei einer Frau, der "zu kleine" Penis bei einem Mann oder andere Skalierungen und Vermessungen menschlicher Körper sind. Körpergröße, Genitalgröße, "zu klein", "zu groß" und dergleichen mehr – kein Mensch entspricht dem "Ideal", alle weichen an bestimmten Punkten davon ab. Vor diesem Hintergrund sollte Intergeschlechtlichkeit nicht als Minderheitenthema, sondern als eines aller Menschen behandelt werden.

Der größere Rahmen beim Lernen zu Intergeschlechtlichkeit ist vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Inklusiv zu denken und zu handeln bedeutet auch, Inter*Intergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen.-Körper und -Genitalien als normal und selbstverständlich mitzudenken. Körper und GeschlechtGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … werden so in ihrer Vielfältigkeit wahrgenommen und der Marginalisierung intergeschlechtlicher Körper wird entgegengewirkt. 

Was brauchen inter* Kinder und Jugendliche?

Inter* Kinder und Jugendliche benötigen EmpowermentDurch Empowerment (dt.: Ermächtigung, Stärkung) wird die Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit von Menschen oder Gemeinschaften verbessert. und Aufklärung über sich und ihren Körper. Ihnen wie auch allen anderen Kindern und Jugendlichen sollte vermittelt werden, dass es intergeschlechtliche Menschen gibt, dass es sie schon immer gegeben hat, dass sie normal und genauso wie jeder andere Mensch liebens- und anerkennenswert sind.

Was kann ich als Pädagog_in konkret tun?

Lernangebote schaffen

Gut wäre, wenn verwendete Texte, Bilder, Videos, Sprache und Methoden der realen Vielfalt menschlicher Körper, Existenz- und Verhaltensweisen Rechnung tragen würden und Intergeschlechtlichkeit auch ohne einen konkreten Anlass zum Thema machen.

Es bietet sich aber auch die spezifische Beschäftigung mit Inter*-Biografien und -Lebensrealitäten an. 

Sofern auf geschlechtsverändernde EingriffeMit geschlechtsverändernden Eingriffen wird der Körper von intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen so verändert, dass sie den aktuellen Vorstellungen über einen "typisch" männlichen oder weiblichen Körper entsprechen. an Inter*-Körpern eingegangen wird, sollte dies altersangemessen geschehen und berücksichtigt werden, dass diese häufig ohne Einverständnis vorgenommenen und zum Teil als gewaltvolle medizinische Eingriffe empfunden werden. 

Es ist ein Balanceakt, einerseits den Aspekt der Menschenrechtsverletzungen zu thematisieren und zugleich Empowerment-Aspekte hervorzuheben. Dabei ist es hilfreich, Inter* als Expert_innen in eigener Sache selbst zu Wort kommen und als Menschen mit Stärken, Schwächen und individuellen Eigenheiten sichtbar werden zu lassen.

Sensibilität für Sprache

Pathologisierende und ent-normalisierende Begrifflichkeiten wie zum Beispiel "Störung", "Anomalie", "Syndrom", "zu groß", "zu klein", "fehlen", "uneindeutig", "zwischen den Geschlechtern", "besonders", "Phänomen" sollten vermieden werden.

Peer-Support für inter* Kinder und Jugendliche

Viele intergeschlechtliche Menschen beschreiben in biografischen Rückblicken, dass Inter*-Peer-Kontakte für sie von herausragender Bedeutung waren und sind. Häufig wissen Kinder und Jugendliche aber gar nicht, dass und welche Möglichkeiten es gibt, andere Inter* kennenzulernen. Als Pädagog_in können Sie Kinder und Jugendliche – abhängig von deren Interessen und Wünschen – dabei unterstützen, den Kontakt zu Jugendgruppen, Beratungs- oder Freizeitangeboten für Inter* herzustellen oder auch Bücher und Filme von intergeschlechtlichen Menschen zu finden.

Gegen Mobbing und Diskriminierung vorgehen

Inter* Kindern und Jugendlichen kann aus verschiedenen Gründen in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen Diskriminierung widerfahren, auch wenn sie nicht geoutetAls Comingout (engl. "come out": herauskommen) wird der Prozess bezeichnet, die eigene Identität, sexuelle Orientierung, Lebensweise oder Körperlichkeit öffentlich zu machen, obwohl sie von herrschenden Normen abweicht. sind, beispielsweise wegen "untypischer" Pubertätsverläufe und körperlichen Merkmalen, die aus der NormGesellschaftliche Normen (lat. "norma": Richtschnur, Regel) bezeichnen allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Verhaltensregeln, die das Zusammenleben von Menschen organisieren. herausfallen, oder wegen Fehlzeiten aufgrund von medizinischen Behandlungen.

Zugleich ist es möglich, dass es für inter* Kinder und Jugendliche schwierig sein kann, sich gegen Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Gründe dafür sind beispielsweise ein geringes Selbstbewusstsein und eine Tendenz zur Selbstisolation als Folgen von medizinischen Eingriffen und dem gesellschaftlichen Tabu rund um Intergeschlechtlichkeit. Dazu können mangelnde Identifikationsmöglichkeiten mit Peers kommen und ganz generell wenige Freundschaften. Diese Gemengelage kann zu Mobbing- und Diskriminierungssituationen führen.

Einem langfristigen präventiv aufklärenden, informierenden Ansatz muss von daher ein intervenierender zur Seite gestellt werden.

Voraussetzungen einer guten Pädagogik zum Thema Intergeschlechtlichkeit

Selbstreflexion

Das Besondere an der Auseinandersetzung mit Geschlecht und Geschlechterverhältnissen ist, dass sie auch stets mit einem selbst zu tun hat. Von daher sollten eigene Annahmen von Geschlecht kritisch reflektiert werden, wozu auch die Beschäftigung mit eigenen Unsicherheiten und Abwehrimpulsen gehört.

Eigene Informiertheit

Die eigene Informiertheit zum Thema Intergeschlechtlichkeit ist Voraussetzung, um anderen überhaupt Lernangebote machen zu können. Wichtige Ressourcen hierfür sind Materialien von Inter*-Organisationen; medizinische Quellen sind aufgrund ihrer pathologisierenden Herangehensweise meist ungeeignet. 

Tipp für die Recherche: nach "Intergeschlechtlichkeit" und "Inter*" suchen. Auch Teamfortbildungen zum Thema Intergeschlechtlichkeit sind sinnvoll. Langfristig geht es darum, das Thema in Ausbildung, Lehrplänen und Studiengängen pädagogischer Berufe fest zu verankern.

Haltung

Auf der Haltungsebene sollte stets davon ausgegangen werden, dass inter* Menschen – zum Beispiel als Kolleg_innen, Kinder oder Jugendliche – anwesend sind, auch wenn man es nicht weiß. Wenn diese etwas über sich erzählen wollen, sollte dies ermöglicht werden. Es darf aber nicht zu ungewollten Outings kommen oder gar zum Zwang, etwas über sich erzählen zu müssen. 

Wenn sich jemand Ihnen gegenüber öffnet, besprechen Sie Unterstützungswünsche und -möglichkeiten. Nehmen Sie dabei Selbstbestimmungswünsche sehr ernst, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass sehr vielen inter* Menschen Selbstbestimmung häufig verwehrt wurde und vielleicht noch wird.

Personalpolitik

Sollten Sie Einfluss auf die Auswahl von Personal nehmen können, können Sie darauf achten, dass Inter* aus Gründen der Gleichberechtigung, des Nachteilsausgleichs und als Vorbildfunktion bei Stellenausschreibungen explizit angesprochen und bei geeigneter Qualifikation auch eingestellt werden. Konkret könnte dies durch Hinweise wie etwa "Projektleitung (m/w/d) gesucht" oder "wir begrüßen Bewerbungen von Menschen aller Geschlechter" umgesetzt werden.