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Inter*-Biografien: Die eigene Geschichte ans Licht holen

Vielen intergeschlechtlichen Menschen wird irgendwann klar, dass sie und besonders ihr Körper eine Geschichte haben, die sie nur teilweise kennen. Dann beginnt oft eine schwierige Spurensuche.

IntergeschlechtlicheIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Personen, die als Säugling, Kind oder Jugendliche_r geschlechtsveränderndenMit geschlechtsverändernden Eingriffen wird der Körper von intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen so verändert, dass sie den aktuellen Vorstellungen über einen "typisch" männlichen oder weiblichen Körper entsprechen. Operationen und/oder Hormonbehandlungen unterzogen wurden, finden dies oft erst viele Jahre später heraus. Ihr Umgang mit dieser Entdeckung ist unterschiedlich:

Manche können oder wollen sich damit nicht auseinandersetzen und konzentrieren ihre Kräfte stattdessen auf Gegenwart und Zukunft. Anderen ist es wichtig, die eigene Geschichte zumindest teilweise aus dem Dunkel zu holen. Sie wollen wissen, wie ihr Körper unversehrt ausgesehen hätte und was mit ihnen gemacht wurde, wie Eingriffe begründet wurden oder wer dafür verantwortlich war.

Die Behandlungsgeschichte rekonstruieren

Ein Weg dazu ist, nach der medizinischen Dokumentation früherer Behandlungen zu forschen. Krankenhäuser und Arztpraxen sind gesetzlich verpflichtet, Akten von Patient_innen mindestens zehn Jahre aufzubewahren. 

Manche intergeschlechtliche Menschen berichten, dass es ihnen nur schwer oder gar nicht mehr gelungen ist, an Kopien ihrer Akten zu gelangen. Der Deutsche Ethikrat forderte daher 2012 eine deutliche Verlängerung der Aufbewahrungsfristen für die Behandlungsakten intergeschlechtlicher Menschen.1

Befunde oder andere Dokumente mit komplizierten Fachausdrücken werden zum Beispiel hier kostenlos in verständliches Deutsch übersetzt. 

Das Mitwissen der eigenen Eltern

Geschlechtsverändernde Eingriffe an Minderjährigen werden fast immer mit Zustimmung der Sorgeberechtigten vorgenommen. Dabei wurden Eltern in der Vergangenheit oft angewiesen, ihrem Kind die eigene Intergeschlechtlichkeit zu verschweigen und damit zusammenhängende Eingriffe zu verschleiern.

In manchen Fällen wurden Eltern vermutlich selbst unzureichend informiert oder fühlten sich unter Druck, einem Eingriff zuzustimmen. Dennoch kann diese Entscheidung die Eltern-Kind-Beziehung später stark belasten oder dauerhaft beschädigen. Viele intergeschlechtliche Personen erleben es als tiefe Verletzung und Vertrauensbruch, dass die eigenen Eltern in diesen Eingriff in ihren kindlichen oder jugendlichen Körpers einwilligten, später darüber schwiegen oder sie täuschten.

Um den Schmerz darüber zu verarbeiten, finden inter* Menschen dann unterschiedliche Wege: Manche tauschen sich mit anderen inter* Personen aus, nutzen Selbsthilfegruppen oder therapeutische Begleitung.

1 Deutscher Ethikrat (2012): Intersexualität. Stellungnahme. Berlin: Eigenverlag, S. 175. Zuletzt abgerufen am 22.02.2018 von https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Stellungnahmen/deutsch/DER_StnIntersex_Deu_Online.pdf.