Warum nicht alle LSBTIQ ein Comingout haben

Es wird als selbstverständlich angesehen: LSBTIQ brauchen ein Comingout. Die gesamte Community richtet sich darauf aus – und auch die Förder- und Beratungsstrukturen. Aber ist ein Comingout wirklich das Maß aller Dinge? 

Die Vorstellung, dass LSBTIQ'LSBTIQ' oder ähnliche Zusammensetzungen dienen als Abkürzung für 'Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen'. 'Lsbtiq' steht entsprechend für 'lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich und queer'. ein ComingoutAls Comingout (engl. 'come out': herauskommen) wird der Prozess bezeichnet, die eigene Identität, sexuelle Orientierung, Lebensweise oder Körperlichkeit öffentlich zu machen, obwohl sie von herrschenden Normen abweicht. haben und davon erzählen können oder gar müssen, ist in der Gesellschaft oft anzutreffen. Das Comingout gehört zum Standardrepertoire des Gesprächs zwischen LSBTIQ, aber auch zwischen LSBTIQ und Freund_innen, Familienmitgliedern und Kolleg_innen. Es wird angenommen, dass ein Comingout der Überwindung von Angst, DiskriminierungDiskriminierung (lat. 'discriminare': trennen, unterscheiden) bedeutet, dass Menschen schlechter behandelt werden oder Nachteile für sie bestehen, weil sie bestimmte Merkmale haben beziehungsweise ihnen diese Merkmale zugeschrieben werden. und Gewalt dient. Nach dieser Erzählung ist die Identität erst nach einem Comingout gefestigt – und verändert sich dann auch nicht mehr. Aber dies trifft nicht immer und nicht auf alle zu.

Brauchen alle ein Comingout?

Für viele Menschen entspricht die lineare Entwicklung zur lsbtiq Person mit Comingout – und mit der damit einhergehenden Identität – nicht ihrer Lebensrealität. Dafür gibt es verschiedene Gründe. 

Zahlreiche cisDie Begriffe cisgeschlechtlich, 'cisgender' oder 'cis' (lat. 'cis': diesseits) beschreiben Menschen, die sich dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.LesbenFrauen, die sich emotional und/oder sexuell in erster Linie zu Frauen hingezogen fühlen, bezeichnen sich häufig als lesbisch., SchwuleMänner, die sich emotional und/oder sexuell in erster Linie zu Männern hingezogen fühlen, bezeichnen sich häufig als schwul. und BisexuelleBisexuelle Menschen beschreiben ihre sexuelle Orientierung unterschiedlich: Als romantische und/oder sexuelle Anziehung zu Frauen und Männern, als Anziehung zu dem eigenen Geschlecht oder zu generell mehr als einem Geschlecht. müssen sich, anders als viele trans*Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Menschen, gar nicht unbedingt öffentlich outen. Einige ziehen es deswegen vor, dies nicht oder nur sehr selektiv zu tun. Manche nicht-heterosexuelleWenn Frauen sich von Männern romantisch und/oder sexuell angezogen fühlen, oder Männer von Frauen, werden sie als heterosexuell bezeichnet. Zugleich beschreibt 'heterosexuell' auch sexuelle Handlungen zwischen einer Frau und einem Mann. Menschen wiederum können sich mit LSBTIQ-Identitätskategorien nicht identifizieren, weil sie sie für sich unpassend, limitierend oder ausschließend finden. Und andere haben zwar ab und zu gleichgeschlechtliche sexuelle oder romantische Kontakte, sehen dies aber nicht als (wichtigen) Teil ihrer Identität an, der speziell benannt werden müsste.

Manche Menschen müssen oder wollen auch andere Prioritäten setzen als die eigene sexuelle und/oder geschlechtliche Identität. Etwa weil das (noch mehr) Gefahr und/oder zusätzliche Diskriminierung bedeuten würde, die sie sich nicht leisten können. Oder weil einigen Menschen aufgrund noch existentiellerer alltäglicher Herausforderungen und Sorgen kein Raum bleibt, sich überhaupt mit ihrer Identität auseinanderzusetzen, passende Begriffe zu finden und sich Communitys anzuschließen.

Gründe dafür können sein, dass sie mit Beeinträchtigungen leben, eine (familiäre) Flucht- oder andere Migrationsgeschichte haben – oder dass die religiöse Zugehörigkeit, das Alter, die regionale Herkunft, eine chronische Krankheit, die finanzielle Situation, eine Wohnungslosigkeit, ein allein erzogenes Kind oder andere Umstände für sie dringlicher sind. Denn viele dieser Aspekte bringen (gravierende) andere, zusätzliche, sich gegenseitig verstärkende Belastungen und Diskriminierungsrisiken mit sich.

Einfalt in der Vielfalt?

Obgleich LSBTIQ-Bewegungen und -Beratungsangebote sich in der Regel den Interessen und Bedarfen von lsbtiq Menschen in allen Lebenslagen annehmen möchten, haben sie dennoch häufig unbewusst mittelschichtige, cisDie Begriffe cisgeschlechtlich, 'cisgender' oder 'cis' (lat. 'cis': diesseits) beschreiben Menschen, die sich dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde., endogeschlechtlicheDer Begriff 'endogeschlechtlich' oder 'endo' (griech. 'éndon': innen, innerhalb) beschreibt Menschen, die nicht inter* sind, das heißt, deren Körper sich nach medizinischen Normen eindeutig als nur weiblich oder nur männlich einordnen lassen., nicht-behinderte, christlich sozialisierte, weißeDer Begriff 'weiß' beschreibt eine gesellschaftliche Position, in der Menschen nicht negativ von Rassismus betroffen sind, sondern vielmehr von diesem profitieren., kinderlose und deutsche LSBTIQ im Fokus. Infolgedessen denken sie viele Teile der Community nicht immer mit und bilden deren Vielfalt nicht ab. Das kann auch Förder_innen unterlaufen, wenn sie die Zielgruppen von Projekten definieren.

Beratungs- und Präventionsangebote der AIDS-Hilfen haben deswegen bereits in den 1990er-Jahren angefangen, von "MSM" und "FSF" (für "Männer, die Sex mit Männern haben" und "Frauen, die Sex mit Frauen haben") zu sprechen. Dieses Model berücksichtigt, dass Verhaltensweisen nicht an eine im Rahmen eines Comingouts ausgebildete (relativ) starre "schwule" oder "lesbische" Identität gebunden sein müssen (trans* und inter*Intergeschlechtliche (lat. 'inter': zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Menschen wurden jedoch meist noch nicht mitgedacht). Es geht von der konkreten Person und ihrem konkreten Verhalten aus, anstatt ungefragt vorauszusetzen, dass es einen vorbestimmten, im Großen und Ganzen immer gleichen Prozess eines Comingouts gäbe oder geben sollte.

Vielfalt in der Vielfalt!

In manchen Fällen kann es sein, dass Beratung und Menschenrechtsarbeit mit einer starren Definition der Zielgruppen – wie etwa "nur" schwule Männer anstatt (auch) MSM – effizienter funktionieren, zum Beispiel weil sie einfacher beworben und finanziert werden können. Aber viele Menschen sind so sehr und so oft von verschiedenen, sich verstärkenden Diskriminierungsformen betroffen, dass sie sich von einer solchen Definition nicht unbedingt angesprochen fühlen. Es sind deswegen oft ganz andere strukturelle Ausschlüsse, die es auch für lsbtiq Menschen in den Mittelpunkt zu stellen gilt. 

Bei der Beratung und Menschenrechtsarbeit darf auch nicht davon ausgegangen werden, dass sich alle Ratsuchenden nach einem bestimmten Muster verhalten wollen oder müssen – oder dass sie alle dieselben LSBTIQ-politischen Ziele verfolgen. Es braucht nicht unbedingt ein Comingout, um zur Community zu gehören – oder um Gebrauch von ihren Angeboten zu machen.

Viele Beratungsstellen haben sich den Herausforderungen wirklich offener Angebote gestellt. Am Ende von Öffnungs- und Selbstreflexionsprozessen, die klassische Kategorien auf den Prüfstand stellen, können ganz verschiedene Angebote zustande kommen – die auch darüber entscheiden, wer zur Beratung kommt beziehungsweise wer sich in einer Organisation überhaupt engagiert.