Lsbtiq Menschen in Haft

Über lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* Menschen in Haft wird wenig gesprochen. Welche Erfahrungen machen sie im Gefängnis? Und wie können sie von der Community unterstützt werden?

Die Erfahrungen von lesbischenFrauen, die sich emotional und/oder sexuell in erster Linie zu Frauen hingezogen fühlen, bezeichnen sich häufig als lesbisch., schwulenMänner, die sich emotional und/oder sexuell in erster Linie zu Männern hingezogen fühlen, bezeichnen sich häufig als schwul., bisexuellenBisexuelle Menschen beschreiben ihre sexuelle Orientierung unterschiedlich: Als romantische und/oder sexuelle Anziehung zu Frauen und Männern, als Anziehung zu dem eigenen Geschlecht oder zu generell mehr als einem Geschlecht., trans*Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. und inter*Intergeschlechtliche (lat. 'inter': zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Menschen in Haft sind oft kein Thema, sowohl inner- wie außerhalb der CommunityDer Begriff 'Community' (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen.. Dies, obwohl lsbtiq'LSBTIQ' oder ähnliche Zusammensetzungen dienen als Abkürzung für 'Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans-, intergeschlechtliche und queere Menschen'. 'Lsbtiq' steht entsprechend für 'lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergeschlechtlich und queer'. Menschen in Haft besonders vulnerabel sind und Studien darauf hinweisen, dass LSBTIQ öfter inhaftiert werden als Nicht-LSBTIQ. Verlässliche Zahlen aus Deutschland gibt es dazu nicht. Untersuchungen aus den USA zeigen aber, dass dort beispielsweise 42 Prozent der inhaftierten Frauen lesbisch, bisexuell oder FSF ("Frauen, die Sex mit Frauen haben") sind.1 

Diskriminierung, Gewalt und erschwerende Bedingungen für LSBTIQ im Gefängnis

Viele lsbtiq Menschen machen in Haft diskriminierende und/oder gewaltvolle Erfahrungen.

Trans, inter* und nicht-binäre Menschen, die den GeschlechtseintragAls Geschlechtseintrag wird der behördliche Vermerk über das Geschlecht im Geburtsregister und in Ausweisdokumenten bezeichnet. (noch) nicht ändern konnten oder wollten, werden – auch trotz beispielsweise jahrelanger Hormoneinnahme – bei Inhaftierung so zugeordnet, wie es dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, unabhängig von GeschlechtsidentitätDie Geschlechtsidentität bezeichnet das Wissen und Empfinden eines Menschen über sein eigenes Geschlecht. und GeschlechtsausdruckGeschlechtsausdruck bezeichnet die Art und Weise, wie Menschen ihre Geschlechtsidentität nach außen darstellen beziehungsweise sich geschlechtlich präsentieren.. Einzig in Berlin gibt es Bestrebungen, dies zu ändern.2

Inhaftierte Menschen, die den Geschlechtseintrag auf männlich oder weiblich geändert haben, sollen laut Gesetz entsprechend inhaftiert werden. Dies ist aber nicht immer der Fall. Vor allem trans* Frauen sitzen dann im Männergefängnis ein, wo das Risiko, Gewalt zu erleiden, hoch ist. Manche werden, um dies zu verhindern, in psychisch enorm belastende Isolationshaft verlegt, obwohl dies nicht rechtmäßig ist.3 Und obwohl der Zugang zu geschlechtsangleichenden MaßnahmenAls geschlechtsangleichend werden medizinischen Behandlungen bezeichnet, die den Körper an die eigene Geschlechtsidentität anpassen. wie zum Beispiel Hormonbehandlungen zum Recht auf medizinische Versorgung gehört, ist dieser in Haft oft erschwert.4

Auch viele lesbische, schwule und bisexuelle Menschen machen diskriminierende und gewaltvolle Erfahrungen im Gefängnis. Beispielsweise ist das Risiko, sich im Männergefängnis mit HIV oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken, deutlich höher – und trotzdem werden vielerorts keine oder unzureichende Safer-Sex-Materialien wie Kondome und Gleitmittel zur Verfügung gestellt. Viele berichten auch von lsb-feindlicher Diskriminierung und verbaler, körperlicher und sexueller Gewalt durch andere inhaftierte Menschen oder Justizvollzugsbeamt_innen. Dies führt zu einer Zunahme der psychischen Erkrankungen und Suizide.5

Wie können inhaftierte lsbtiq Menschen unterstützt werden?

Viele lsbtiq Menschen kämpfen in Haft mit Gefühlen von Isolation, Angst und Depression. Briefkontakte mit lsbtiq Menschen oder Besuche von LSBTIQ-Projekten können dem entgegenwirken. Ebenso hilft es, LSBTIQ-Ressourcen wie zum Beispiel diesen Ratgeber für trans* Menschen in Haft an Haftanstalten zu verteilen.

LSBTIQ-Organisationen und die queere'Queer' war im Englischen ein starkes Schimpfwort für LSBTIQ, ähnlich dem deutschen 'pervers'. In Deutschland dient es heute oft als Sammelbezeichnung für LSBTIQ, aber auch als eigenständige Selbstbezeichnung, die begrenzende Kategorien in Frage stellt. Community können auch dazu beitragen, dass Informationen zu den Bedingungen in Haft gesammelt und bekannt gemacht und Geschichten von lsbtiq Inhaftierten geteilt werden. Dabei kann es hilfreich sein, Netzwerke mit Organisationen aufzubauen, die im Bereich Haft, Asyl, Anti-Rassismus, Sexarbeit, Psychiatrie(-kritik) und Restorative oder Transformative Justice (engl. "to restore": wiederherstellen; "to transform": umwandeln; "justice": Gerechtigkeit) arbeiten.6

Unabdingbar sind außerdem Aufklärung und Fortbildungen zu Diskriminierungs- und Gesundheitsrecht für Justizvollzugsbeamt_innen, Sozialarbeiter_innen, Psycholog_innen, Anwält_innen, Richter_innen und andere Fachkräfte, die im Justizsystem und der Vollzugsverwaltung arbeiten.

1 Meyer, Ilan H./Flores, Andrew R./Stemple, Lara/ Romero, Adam P. / Wilson, Bianca D. M./Herman, Jody L. (2017): "Incarceration Rates and Traits of Sexual Minorities in the United States: National Inmate Survey, 2011–2012". In: American Journal of Public Health. 2017, 107/2, S. 267-273. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5227944/
2 S. dazu Bundesverband Trans* (2020): Stellungnahme. Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Anti-Diskriminierung – Entwurf eines Gesetzes zur Änderung von Berliner Justizvollzugsgesetzen. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://www.bundesverband-trans.de/wp-content/uploads/2020/03/BVT_Stellungnahme_Justizvollzugsgesetz-Berlin.pdf; TransInterQueer (2020): Stellungnahme zum Referentenentwurf der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung "Gesetze zur Änderung von Berliner Justizvollzugsgesetzen". Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von http://www.transinterqueer.org/wp-content/uploads/Stellungnahme-Justizvollzug-TrIQ.pdf.
3 Trans*Ratgeber-Gruppe (2018): Informationen für trans* Menschen in Haft und Freund_innen und Unterstützer_innen, S. 7, 51. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von http://kiralina.blogsport.de/images/Informationen_Fr_Transmenschen_inHaft2.pdf; Herber, Benedikt (2020): "Verloren hinter Gittern". In: Zeit online, 2.09.2020. Zuletzt abgerufen am 078.01.2021 von https://www.zeit.de/2020/37/transsexualitaet-transgender-haft-gefaengnis-einzelhaft.
4 Trans*Ratgeber-Gruppe (2018): Informationen für trans* Menschen in Haft und Freund_innen und Unterstützer_innen. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von http://kiralina.blogsport.de/images/Informationen_Fr_Transmenschen_inHaft2.pdf
5 Behrens, Marcus (2015). "25 Jahre AG Haft – Ein Grund zum Feiern?!". In: Behrens, Marcus (Hrsg.): Schwul hinter schwedischen Gardinen – 25 Jahre Arbeit in Haft. S.24-49. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://www.mann-o-meter.de/wp-content/uploads/AG_Haft_Festschrift.pdf
6 S. dazu auch Wasenmüller, Julia (2020): "Trans im Knast". In: Missy Magazin. 2020, 3, S. 40-45. Zuletzt abgerufen am 01.11.2020 von https://missy-magazine.de/blog/2020/05/11/trans-im-knast/.