Inter* und Sexualität

Wie kann ich als inter* Person eine selbstbestimmte Sexualität leben? Und soll ich Menschen, mit denen ich Sex habe, erzählen, dass ich inter* bin?

Sexualität kann manchmal kompliziert sein. Viele intergeschlechtliche Menschen setzen sich besonders sorgfältig damit auseinander. Einigen Fragen, die dabei aufkommen können, geht dieser Artikel nach.

Warum möchten einige inter* Menschen Sexualität (noch) nicht teilen?

Inter* Menschen berichten oft, dass ihnen im Gesundheitssystem sexualisierte und andere Formen von Gewalt angetan wurden. In der Herkunftsfamilie wird darüber, und über Intergeschlechtlichkeit und Sexualität, vielleicht nicht geredet. Dies kann Sexualität zu einem Tabu und einem schwierigen Thema machen und trägt zur Entscheidung mancher inter* Menschen bei, Sex nicht – oder noch nicht – mit anderen zu teilen.

Aufgrund von geschlechtsverändernden Eingriffen erleben einige auch, dass Sex schmerzhaft ist und nicht so funktioniert wie erwartet, oder dass es schwierig oder unmöglich ist, einen Orgasmus zu haben. Dies kann sehr verwirrend und frustrierend sein, gerade wenn die Person lange selbst nicht wusste, dass sie inter* ist und/oder dass Eingriffe an ihr vorgenommen wurden.1

Wie kann ich als inter* Person meine Sexualität selbstbestimmt ausleben?

Einige inter* Menschen erkunden ihre Sexualität und ihren Körper (zuerst) allein. Um ein positives Körpergefühl zu entwickeln, hilft es, sich gut um den eigenen Körper zu kümmern – sei es durch körperliche Aktivitäten wie Sport oder (Selbst-)Massage, durch empowernde Kleidung oder Make-up oder durch eine selbstbestimmte Entscheidung über medizinische Behandlungen. Auch der Austausch zum Thema Sexualität und Körperlichkeit mit anderen inter* Menschen in Selbsthilfegruppen, Peerberatung oder Online-Foren ist für viele unterstützend.

Beim Sex mit anderen Menschen ist es wichtig, Partner_innen zu finden, die respektieren, was sich gut anfühlt und was nicht. Es kann sehr bestärkend sein, wenn Partner_innen offen für Anleitungen sind, nachfragen und auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der inter* Person hören.

Keine inter* Person sollte unter Druck gesetzt werden, sich unter Druck setzen lassen oder gar ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie bestimmte Dinge nicht mag oder ihr Körper anders funktioniert, als endogeschlechtliche Partner_innen das vielleicht erwarten.

Sage ich einer_m Partner_in, dass ich inter* bin?

Ob, wie und wann inter* Menschen sich gegenüber endo Liebes- und/oder Sexualpartner_innen als inter* outen, ist verschieden. Einige tun dies von Anfang an. Dies hilft, frühzeitig zu erkennen, wie mögliche Partner_innen zu Intergeschlechtlichkeit stehen. Andere warten lieber, bis sie eine Person näher kennen und Vertrauen besteht.

Ob sich inter* Menschen überhaupt outen, sollte ihre eigene Entscheidung sein. Keine inter* Person schuldet dies ihren Partner_innen. Manchmal kann es jedoch mehr Schutz bieten, sich zu outen, bevor ein sexueller Kontakt stattfindet. Denn einige endo Sexualpartner_innen reagieren überfordert, ablehnend oder gewaltvoll darauf, wenn ein Körper nicht der Norm oder ihren_seinen Erwartungen entspricht. Solche negativen Erfahrungen können bei inter* Menschen Ängste wecken, dass andere sie nicht attraktiv finden und als Partner_innen nicht in Betracht ziehen.

Doch natürlich gibt es auch endo (und inter*) Partner_innen, die offen sind, und inter* Menschen, die positive Erfahrungen mit ihrem Comingout machen.2 Vielen hilft es, sich dazu mit anderen inter* Menschen oder auch deren Partner_innen auszutauschen.

Ein empowernder Erfahrungsbericht einer inter* Person zu diesem Thema ist Pertl, Luan (2017): "Orgasmusdruck und Intersex 2.5". In: Schrift.Verkehr. Fachmagazin – Orgasmus??!! Frühjahr 2017, S. 31-34. Zuletzt abgerufen am 13.02.2020 von http://www.sexuellebildung.at/data/fachmagazin_orgasmus.pdf.

2 Von (auch) positiven und solidarischen Reaktionen auf ihr Comingout berichten zum Beispiel: Robert Lüdke, interviewt von Hannah Geiger (2019): "Wenn ich sage, dass ich Inter* bin, wird schonmal das Gesprächsthema gewechselt". In: siegessäule.de, 25.10.2019. Zuletzt abgerufen am 02.04.2020 von www.siegessaeule.de/magazin/4501-wenn-ich-sage-dass-ich-inter-bin-wird-schonmal-das-gesprächsthema-gewechselt/; Lucie Veith, interviewt von Patrick Batarilo (2017): "Intersexualität – Hörer Live mit Lucie Veith". In: swr.de, 30.11.2017. Zuletzt abgerufen am 02.04.2020 von https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/aexavarticle-swr-50556.html.