Detransition im Spannungsfeld der öffentlichen Debatte

Berichte von und über Personen, die eine Transition anhalten oder in eine neue Richtung entwickeln, häufen sich. Doch wie viele Menschen wünschen sich tatsächlich eine Detransition? Was sind Gründe dafür? Was bedeuten diese Erzählungen für die Gesundheitsversorgung von trans* Personen?

Was bedeutet Detransition?

Alle oder einzelne Schritte der TransitionAls Transition (engl.: Übergang, Durchquerung) bezeichnen transgeschlechtliche Menschen den Zeitraum der Annäherung an ihr empfundenes Geschlecht. so weit wie möglich aufzuheben wird als Detransition bezeichnet. Detransition kann als eine Fortführung der bisherigen Auseinandersetzung mit geschlechtlicherGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … Identität verstanden werden. Um diesen Aspekt zu betonen, ist mittlerweile auch von Retransition die Rede.

Wie viele Personen detransitionieren – und aus welchen Gründen?

Aktuell zeichnen Medien überwiegend ein einseitiges Bild von Detransition; im Vordergrund stehen Erzählungen von Personen, die davon berichten, dass sie in eine Transition gedrängt worden seien. Teilweise wird in diesem Kontext auch pauschal und unzutreffend über „Regret“ (engl. Reue) gesprochen. Erfahrungen von detransitionierten Personen, die ihre erste Transition weiterhin als stimmig und als Teil ihres persönlichen Weges begreifen, tauchen dagegen selten auf.

Dieser Darstellung stehen Studien gegenüber, die zeigen, dass Personen irreversible Transitionsschritte nur in seltenen Einzelfällen bereuen. In einer Erhebung unter fast 7.000 niederländischen transgeschlechtlichen Personen, die seit 1975 geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen ließen, bereuten nur 0,5% der Befragten eine geschlechtsangleichende Operation.1

Ein ähnliches Bild ergab die weltweit bisher größte Umfrage unter trans* Personen aus den USA: Unter den knapp 28.000 Teilnehmer_innen erklärten zwar 8%, dass sie – zumindest zeitweise – gewisse Transitionsschritte rückgängig gemacht hätten.2 Die Gründe hierfür sind allerdings nur sehr selten Unzufriedenheit mit den körperlichen Veränderungen, sondern vielmehr sozialer Druck sowie DiskriminierungserfahrungenDiskriminierung (lat. 'discriminare': trennen, unterscheiden) bedeutet, dass Menschen schlechter behandelt werden oder Nachteile für sie bestehen, weil sie bestimmte Merkmale haben beziehungsweise ihnen diese Merkmale zugeschrieben werden.:

Nach den Gründen für ihre Detransition befragt, gaben die Teilnehmer_innen an, dass der Druck von Eltern (36%), hohe Hürden bei der Transition (33%), trans*feindliche Belästigung und Anfeindungen (31%), Probleme bei der Jobsuche (29%) sowie Druck von weiteren Familienmitgliedern (26%) oder Partner_innen (18%), sie zu dieser Entscheidung bewogen hätten. Nur 5% erklärten, dass die Transition nicht zu ihnen passte. Damit machen sie nur 0,4% aller befragten Teilnehmer_innen aus.

Fremdbestimmung von trans* Personen in der Gesundheitsversorgung

Durch Medienberichte zu Detransition entsteht leicht der Eindruck, der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen wie Operationen und Hormontherapie sei problemlos und einfach. Diese Darstellung deckt sich nicht mit der Realität. Denn die große Mehrheit der trans* Personen ist mit hohen Hürden konfrontiert, wenn sie ihr äußeres Erscheinungsbild der eigenen Identität anpassen wollen.

Jahrelange Psychotherapie und sogenannte Alltagserprobung gelten als Voraussetzung für die Kostenübernahme bei den Krankenkassen. Nach wie vor brauchen trans* Personen Berichte von Mediziner_innen und/oder Psychotherapeut_innen, die ihre Transgeschlechtlichkeit bestätigen und geschlechtsangleichende Maßnahmen empfehlen, um Zugang zu diesen zu erhalten.

Durch diese Regelungen ist die Einschätzung von Mediziner_innen und Psychotherapeut_innen ausschlaggebend. Trans* Personen stehen deshalb häufig unter hohem Druck, ihre geschlechtliche Identität gegenüber Mediziner_innen und Psychotherapeut_innen glaubhaft und erwartungskonform darzustellen.

In einer derart hierarchischen Beziehung wird ein offener und vertrauensvoller Dialog zwischen trans* Person und Behandler_in erschwert. Für Unsicherheiten oder Zweifel, ob eine bestimmte körperliche Veränderung wirklich das Richtige ist – eine Entscheidung, die jede Person nur für sich selbst treffen kann – bleibt wenig Raum. Dies kann, muss aber nicht, begünstigen, dass eine Person zu einem späteren Zeitpunkt über die eigene Transition anders denkt und empfindet.

Wachsendes Bewusstsein über vielfältige Transitionswege

Fühle ich mich in meinem Körper wohl? Möchte ich eine tiefere/höhere Stimme haben? Wie stimmig oder unstimmig ist für mich meine Gesichtsbehaarung? Wie fühle ich mich mit meiner Brust?

Auf diese Fragen gibt es sehr unterschiedliche Antworten, auch unter trans* Personen. Bei der Suche nach Antworten ist es wichtig, Zweifel zuzulassen, nicht-binäre'Nicht-binär', 'non-binary' oder auch 'genderqueer' sind Selbstbezeichnungen für eine Geschlechtsidentität, die sich nicht in der Gegenüberstellung von Mann oder Frau beschreiben lässt. Identitäten mitzudenken und aufzuzeigen, dass Transgeschlechtlichkeit auf unterschiedliche Weise gelebt werden kann. CommunityDer Begriff 'Community' (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen.-basierte Beratungsangebote können dabei unterstützen und trans* Personen bei Entscheidungen für oder gegen medizinische Transitionsschritte begleiten.

Auch in Medizin und Psychotherapie ist das Bewusstsein über vielfältige und non-lineare Transitionswege in den letzten Jahren stärker verankert worden. Die S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung im Kontext von Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit3 stellt fest:

Transition ist für alle trans*weiblichen, trans*männlichen und nicht-binären Personen ein individueller Weg. Informierte Zustimmung – also die Zustimmung der Patient_in zu einem Behandlungsschritt nach umfassender Aufklärung über die Potentiale, Risiken und Nebenwirkungen – muss die Grundlage jeder Entscheidung sein.

Gilt das Prinzip der informierten Zustimmung auch für Jugendliche?

Besonders emotional wird über Transition und Detransition diskutiert, wenn es um trans* Jugendliche geht. Auch der Deutsche Ethikrat debattierte im Februar 2020 über die Frage, ob trans* Jugendlichen bereits die Möglichkeit zur medizinischen Transition gegeben werden sollte.

Dort fokussierten Kritiker_innen vor allem die Sorge, dass Jugendliche diese Entscheidungen im späteren Leben bereuen könnten. Befürworter_innen machten dagegen deutlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten das Wissen über die gelungene Begleitung von trans* Jugendlichen stetig gewachsen sei und die medizinisch begleitete Transition im Jugendalter positive Effekte habe.

In der Tat haben heutzutage trans* Jugendliche die Möglichkeit, nach umfassender Beratung und Diagnostik ihre Transition mit sogenannten Pubertätsblockern (in der Fachsprache GnRH-Analoga) zu beginnen. Pubertätsblocker bremsen die pubertätsbedingte Hormonproduktion und halten irreversible körperliche Veränderungen auf. Die Wirkung der Medikamente ist vollständig umkehrbar, wenn sie wieder abgesetzt werden, so Dr. med. Achim Wüsthof vom Endokrinologikum Hamburg. Dadurch erhalten Jugendliche den Raum, um zu reflektieren, ob weitere Transitionsschritte gewünscht sind.

Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin plädiert für eine differenzierte Betrachtung: „Allerdings ist zu beachten, dass durch die Gabe von Pubertätsblockern die Produktion der eigenen Sexualhormone unterdrückt wird und dies die Hirnentwicklung beeinflussen kann. Das wiederum kann zur Folge haben, dass die Geschlechtsidentität durch das Fehlen der körpereigenen Hormone beeinflusst wird.“ Daher empfiehlt Dr. Wüsthof: „Sich ausführlich beraten lassen und gemeinsam den individuell passenden Weg erarbeiten.“

Sollte der Wunsch nach körperlichen Veränderungen andauern, kann nach der Behandlung mit Pubertätsblockern eine geschlechtsangleichende Hormontherapie folgen. Wenn dann die Geschlechtsdysphorie bezüglich der Brust ausgeprägt ist, wird eine Brust-OP auch vor der Volljährigkeit durchgeführt. Geschlechtsangleichende Genital-OPs finden vor Vollendung des 18. Lebensjahres jedoch selten statt.

Eine Leitlinie zur Behandlung von Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz / Geschlechtsdysphorie wird voraussichtlich 2022 von den beteiligten medizinischen Fachgesellschaften veröffentlicht werden.

Es gibt zwar unterschiedliche Ansichten dazu, ab welchem Zeitpunkt Pubertätsblocker eingesetzt werden sollten. Mittlerweile wird in allen medizinischen Leitlinien jedoch die pubertätsunterdrückende Behandlung bei geschlechtsdysphorischen Jugendlichen ab Pubertätsbeginn (Zunahme des Hodenvolumens bzw. beginnendes Brustwachstum) empfohlen. Inzwischen ist erwiesen, dass sich ein rechtzeitiger Zugang zu Pubertätsblockern positiv auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von trans* Jugendlichen auswirken kann.4 Wenn ihnen dieser Zugang jedoch verweigert wird und sie eine Pubertät durchlaufen, die das Unwohlsein mit dem eigenen Körper verstärkt, verschlechtern sich die Prognosen für psychische Gesundheit und das Suizidrisiko steigt.5

Deswegen betont die World Professional Association for Transgender Health (WPATH), dass ein Zurückhalten von Pubertätsblockern keine neutrale Option sei. Vielmehr sei deren Gabe eine wirksame Prävention von Stigmatisierung, Gewalterfahrung und Geschlechtsdysphorie,6 da Pubertätsblocker in Verbindung mit einer daran anknüpfenden Hormontherapie eine erfolgreichere Angleichung des Aussehens ans Identitätsgeschlecht – und damit ein erfolgreiches PassingPassing (von Englisch "to pass" – bestehen, durchkommen) bezeichnet die Situation, in der eine trans* Person von ihrer Umwelt als das Geschlecht wahrgenommen wird, mit dem sie sich selbst identifiziert. – ermöglichen.

Was bedeutet Detransition für den Umgang mit Transgeschlechtlichkeit?

Oft dienen Berichte über Detransition als Argument gegen einen vermeintlich einfachen Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Trans* Personen und Personen aus dem Detrans* Spektrum werden dabei gegeneinander ausgespielt. Dabei ähneln sich ihre Erfahrungen oft.

Wenn Personen detransitionieren, kann trans*feindliche Diskriminierung, wie die US-amerikanische Studie zeigt, ein Auslöser sein. Ein trans*freundliches Klima ist demgegenüber eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Personen in ihrer Geschlechtsidentität und mit angleichenden körperlichen Veränderungen zufrieden leben können.

Daneben braucht es vor und während einer Transition und Detransition eine ergebnisoffene Begleitung, welche nichtlineare Transitionswege anerkennt, Körper jenseits der Zweigeschlechterordnung akzeptiert und körperliche Selbstbestimmung priorisiert.

Berichte über Detransition sind somit kein Argument gegen den Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen, sondern eine deutliche Erinnerung daran, dass der Einzelfall, individuelle Bedürfnisse und informierte Zustimmung im Zentrum der Gesundheitsversorgung von trans* Personen stehen müssen.

1 Wiepjes, Chantal M./Nota, Nienke M./de Blok, Christel J.M./Klaver, Maartje/de Vries, Annelou L.C/Wensing-Kruger, S.Annelijn/de Jongh, Renate T./Bouman, Mark-Bram/Steensma, Thomas D./Cohen-Kettenis Peggy/ Gooren, Louis J.G./Kreukels, Baudewijntje P.C./den Heijer, Martin (2018): "The Amsterdam Cohort of Gender Dysphoria Study (1972-2015): Trends in Prevalence, Treatment, and Regrets". In: Journal of Sexual Medicine. 2018,15/4, S. 582-590.

2 James, Sandy E./Herman, Jody/Keisling, Mara/Mottet, Lisa/Anafi, Ma'ayan (2019): "2015 U.S. Transgender Survey (USTS)". In: Inter-university Consortium for Political and Social Research, 22.05.2019. Zuletzt abgerufen am 31.08.2021 von https://www.icpsr.umich.edu/web/RCMD/studies/37229#.

3 Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (Hrsg.) (2018): S3-Leitlinie: Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung. Zuletzt abgerufen am 31.08.2021 von https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/138-001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019-02.pdf.

4 De Vries/Aneelou L./McGuire, Jennifer K./Steensma, Thomas D./Wagenaar, Eva C./Doreleijers, Theo A./ Cohen-Kettenis, Peggy T. (2014): "Young adult psychological outcome after puberty suppression and gender reassignment". In: Pediatrics. 2014, 134/4, S. 696-704.

5 Turban, Jack L./King, Dana/Carswell, Jeremi M./Keuroghlian, Alex S. (2020): "Pubertal Suppression for Transgender Youth and Risk of Suicidal Ideation". In:Pediatrics. 2020, 145/2.

6 Coleman, Eli/Bockting, Walter/Botzer, Marsha/Cohen-Kettenis, Peggy/DeCuypere, Griet/Feldman, Jamie/ Fraser, Lin/Green, Jamison/Knudson, Gail/Meyer, Walter J./Monstrey, Stan/Adler, Richard K/Brown, George R./Devor, Aaron H./Ehrbar, Randall/Ettner, Randi/Eyler, Evan/Garofalo, Rob/Karasic, Dan H./Lev, Arlene Istar/Mayer, Gal/Meyer-Bahlburg, Heino/Paxton Hall, Blaine/Pfäfflin, Friedmann/Rachlin, Katherine/Robinson, Bean/Schechter, Loren S./Tangpricha, Vin/van Trotsenburg, Mick/Vitale, Anne/Winter, Sam/Whittle, Stephen/Wylie, Kevan R./Zucker, Ken (2012). "Standards of care for the health of transsexual, transgender, and gender-nonconforming people. Version 7". In: International Journal of Transgenderism. 2012, 13/4, S. 165–232.