Als inter* Person ein Kind bekommen

Oft erkennen inter* Menschen durch einen Kinderwunsch erstmals ihre Intergeschlechtlichkeit. Was bedeutet das? Welche Möglichkeiten gibt es, als inter* Person eine Familie zu gründen, und wie finde ich trotz einer traumatisierenden medizinischen Vorgeschichte einen guten Umgang mit der Medizin?

Durch den unerfüllten Kinderwunsch von der Intergeschlechtlichkeit erfahren

Manche Menschen erfahren erst durch einen unerfüllten Kinderwunsch davon, dass sie intergeschlechtlichIntergeschlechtliche (lat. 'inter': zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. sind. Sie erhalten im Rahmen der Kinderwunschbehandlung eine medizinische Diagnose, die vielleicht nicht sofort die Assoziation "Intergeschlechtlichkeit" hervorruft. Oft wächst erst nach einer eigenen Recherche nach und nach die Erkenntnis, dass bei ihnen Intergeschlechtlichkeit beziehungsweise eine bestimmte Variation der GeschlechtsmerkmaleDie Beschreibung 'Menschen mit Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale' meint in der Regel intergeschlechtliche Menschen. vorliegt.

Für manche Menschen startet damit die erste Auseinandersetzung mit dem Thema geschlechtliche Vielfalt, etwa weil die jeweilige Variation der Geschlechtsmarkmale zwar den Kinderwunsch beeinträchtigt, aber sonst relativ wenig an medizinischer Vorgeschichte mit sich gebracht hat beziehungsweise bringt. 

Es kann aber auch passieren, dass mit dieser Information eine alte Geschichte aufbricht und dass inter*Intergeschlechtliche (lat. 'inter': zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Menschen gegebenenfalls so herausfinden, dass sie als Kind ohne ihr Einverständnis einer geschlechtsveränderndenMit geschlechtsverändernden Eingriffen wird der Körper von intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen so verändert, dass sie den aktuellen Vorstellungen über einen 'typisch' männlichen oder weiblichen Körper entsprechen. Operation unterzogen und ihnen die Keimzellen entfernt wurden, was nunmehr dazu führt, dass sie selbst keine Kinder in die Welt setzen können.

Angesichts solcher aufwühlenden Themen kann das Wissen, nicht alleine zu sein, und das Gefühl von CommunityDer Begriff 'Community' (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen. eine starke Unterstützung sein. Es gibt PeerPeerberatung ist eine Beratung, bei der die_der Berater_in dieselben oder ähnliche Erfahrungen, Lebensumstände oder Identität(en) hat wie die Person, die beraten wird.-Beratungsstellen, die inter* Menschen dabei helfen, sich mit sich selbst und der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. 

Als inter* Person ein Kind bekommen

Intergeschlechtlichkeit heißt nicht unbedingt Unfruchtbarkeit. Es gibt inter* Menschen, die mit oder ohne medizinische Unterstützung Kinder gebären oder zeugen können.1 Unterstützung findet sich zum Beispiel bei Gynäkolog_innen oder in Kinderwunschzentren. Hier sind möglichst inter*freundliche beziehungsweise inter*sensibilisierte Personen und Zentren eine gute Wahl. 

Manchmal ist ein Besuch eines solchen Zentrums eine große emotionale Herausforderung für inter* Menschen, zum Beispiel wenn sie unfreiwillig und ohne Kenntnis Hormone bekamen, die ihre geschlechtliche Entwicklung beeinflusst haben. Die Kinderwunschbehandlung führt dann gegebenenfalls zur erneuten Auseinandersetzung mit pathologisierendenPathologisierung bedeutet, dass die Identität, der Körper, die Empfindungen, Wahrnehmungen oder Beziehungen einer Person – entgegen deren eigener Wahrnehmung – als 'krankhaft' oder 'gestört' bezeichnet werden, weil sie von der Norm abweichen. Diagnosen und den möglicherweise unerwünschten Erfahrungen mit einer Hormonbehandlung. Das erschwert die Frage, ob für die Erfüllung des Kinderwunsches erneut Hormone genommen werden sollten, auch wenn dies die Chancen auf ein Kind verbessert. Es ist deshalb für diese Prozesse wichtig, eine gute und achtsame Auseinandersetzung mit sich und gegebenenfalls der_m Partner_in und/oder Unterstützungspersonen zu finden, um nicht retraumatisiert zu werden.

Auch die Aufnahme eines Pflegekindes oder eine Adoption sind für inter* Menschen eine Möglichkeit, eine Familie zu gründen. Erfahrungsberichte weisen jedoch darauf hin, dass es bei Adoption und Pflegschaft zu Diskriminierungen aufgrund eines diversen oder offenen Geschlechtseintrages kommen kann. Hier ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen. 

Wissenslücken und Beratungswissen

Viele Fragen rund um die Elternschaft von inter* Personen sind erst ansatzweise geklärt. Beratung bieten Regenbogenfamilienzentren und Peerberatungsstellen.

1 Jones, Tiffany/Hart, Bonnie/Carpenter, Morgan/Leonard, William/Lucke, Jayne (2016): Intersex. Stories and Statistics from Australia. Open Book Publishers. S. 190. Zuletzt abgerufen am 01.09.2020 von https://interactadvocates.org/wp-content/uploads/2016/01/Intersex-Stories-Statistics-Australia.pdf