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Gewalt gegen inter* Menschen im Gesundheitssystem

Bis heute sind intergeschlechtliche Menschen schwerwiegender Gewalt und Diskriminierung im Gesundheitswesen ausgesetzt. Wie wirken sich traumatisierende – und oft irreversible – Eingriffe auf die körperliche und seelische Gesundheit von inter* Menschen aus?

Seit Langem ist IntergeschlechtlichkeitIntergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Gegenstand medizinischer Forschung. Sehr viel weniger untersucht wurde dagegen bisher, wie es um die körperliche und seelische Gesundheit und die Lebensqualität von inter*Intergeschlechtliche (lat. "inter": zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Menschen bestellt ist und wie sich uneingewilligte medizinische Eingriffe darauf auswirken.

Daten zu Inter*-Gesundheit

Eine der bisher umfangreichsten Erhebungen im deutschsprachigen Raum bestätigt, was Inter*-Organisationen und Einzelpersonen seit Langem berichten: Über sechzig Prozent der befragten inter* Personen leiden demnach unter hoher psychischer Belastung wie Angst oder depressiven Symptomen.1 Selbstverletzungen und Suizidgedanken treten ähnlich häufig auf wie bei traumatisierten Frauen, die sexuell oder körperlich missbraucht wurden.2

Bei vielen inter* Menschen wurden – und werden weiterhin – geschlechtsveränderndeMit geschlechtsverändernden Eingriffen wird der Körper von intergeschlechtlichen Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen so verändert, dass sie den aktuellen Vorstellungen über einen "typisch" männlichen oder weiblichen Körper entsprechen. Operationen ohne Einwilligung vorgenommen. Bei etwa 25 Prozent treten danach Komplikationen wie Fistelbildung, Harnwegsinfekte und Probleme beim Wasserlassen auf.3 Zudem berichten fast die Hälfte der intergeschlechtlichen Menschen, die an den Genitalien operiert wurden, sehr viel häufiger von Angst vor sexuellen Begegnungen und vor Verletzungen beim Sex als nicht-inter* Menschen.4

Gewalt und Diskriminierung im Gesundheitssystem

Bei manchen inter* Menschen lassen sich körperliche oder seelische Beschwerden auf Nebenwirkungen jahrelanger Hormonersatztherapie zurückführen, die etwa nach einer (oft nicht eingewilligten) Entnahme der Gonaden nötig werden.5

Gleichzeitig erhalten inter* Menschen zu selbst gewünschten Hormonen oder anderen Behandlungen oft nur schwer Zugang. Auch werden Behandlungsbewilligungen durch Krankenkassen häufig am GeschlechtseintragAls Geschlechtseintrag wird der behördliche Vermerk über das Geschlecht im Geburtsregister und in Ausweisdokumenten bezeichnet. anstatt an der Identität und dem Körper der Person orientiert.

Einige Personen, die heute erwachsen sind und als Kinder geschlechtsverändernden Eingriffen ausgesetzt waren, weisen auf die Gewalt hin, die ihnen im Zusammenhang mit diesen widerfahren ist: die Zurschaustellung des eigenen Körpers/Genitals vor Fremden, das Einführen von Dilatoren6 in die Vagina schon bei Kleinstkindern oder das Gebot, über Erlebtes zu schweigen. Nach Ansicht des Betroffenenrates des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs handelt es sich dabei, und bei geschlechtsverändernden Operationen ohne Einwilligung, um sexualisierte Gewalt.7

Aufgrund von gesellschaftlicher Diskriminierung erleben Menschen, die geschlechtsverändernden Eingriffen ausgesetzt waren, häufig auch weitere Umstände, die ihre seelische und körperliche Gesundheit beinträchtigen: Erwerbslosigkeit, Isolation, erzwungenes Verstecken oder fehlender Rückhalt in der Herkunftsfamilie.

Resilienz und Zukunftsweisendes

Trotz – oder gerade auch wegen – solcher Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen treten manche inter* Personen für die Rechte ihrer CommunityDer Begriff "Community" (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen. ein und stärken sich gegenseitig.

Die Forderungen der Inter*-Menschenrechtsbewegung weisen den Weg in eine Zukunft, in der keine inter* Person mehr aufgrund von medizinischer Gewalt mit chronischen körperlichen Beschwerden oder seelischer Not leben muss.

1 Schweizer, Katinka/Richter-Appelt, Hertha (2012): "Die Hamburger Studie zur Intersexualität. Ein Überblick". In: Dies. (Hrsg.): Intersexualität kontrovers. Grundlagen, Erfahrungen, Positionen. Gießen: Psychosozial-Verlag. S. 187-205, hier S. 196f.
2  Schützmann, Karsten/Brinkmann, Lisa/Schacht, Melanie/Richter-Appelt, Hertha (2007):"Psychological Distress, Self-Harming Behavior, and Suicidal Tendencies in Adults with Disorders of Sex Development". In: Archives of Sexual Behavior. 2007, 38/1, S. 16-33, hier S.1. Zuletzt abgerufen am 9.12.2019 von https://www.researchgate.net/publication/5903036_Psychological_Distress_Self-Harming_Behavior_and_Suicidal_Tendencies_in_Adults_with_Disorders_of_Sex_Development.
3  Kleinemeier, Eva/Jürgensen, Martina (2008): Netzwerk Intersexualität: Erste Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie im Netzwerk Störungen der Geschlechtsentwicklung/Intersexualität in Deutschland, Österreich und Schweiz. Januar 2005 bis Dezember 2007, S. 17.
4  Schweizer, Katinka/Richter-Appelt, Hertha (2012): "Die Hamburger Studie zur Intersexualität. Ein Überblick". In: Dies. (Hrsg.): Intersexualität kontrovers. Grundlagen, Erfahrungen, Positionen. Gießen: Psychosozial-Verlag. S. 187-205, S. 197.
5  Veith, Lucie G./Hassel-Reusing, Sarah Luzia/ Kreuzer, Claudia J. (2008): "Schattenbericht zum 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW)". Herausgegeben von Intersexuelle Menschen e. V. S. 10, 12. Zuletzt abgerufen am 27.09.2019 von http://www.im-ev.de/pdf/Schattenbericht_CEDAW_2008-Intersexuelle_Menschen_e_V.pdf.
6  Ein Dilator, oder Dilatator, ist ein medizinisches Gerät, das ähnlich wie ein Dildo aussieht und regelmäßig in die Vagina eingeführt wird, um diese sukzessive auszudehnen und zu vergrößern.
7 Bühn, Renate/Stern, Alex (o. D.): "Statement des Betroffenenrates zu sexualisierter Gewalt gegen trans* und inter* Kinder und Jugendliche". Zuletzt abgerufen am 27.09.2019 von beauftragter-missbrauch.de/betroffenenrat/aktuelles/detail/statement-des-betroffenenrates-zu-sexualisierter-gewalt-gegen-trans-und-inter-kinder-und-jugendliche.