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Das körperliche Geschlecht: ein Mosaik

Was ist Geschlecht? Wie viele Geschlechter kennt die Natur? Warum sollten wir darüber reden?

Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass es nur zwei Geschlechter gibt, die sich körperlich eindeutig voneinander unterscheiden: Frauen haben demnach Brüste, eine Vagina und breite Hüften – Männer dagegen breite Schultern, Bartwuchs und einen Penis. Auf den ersten Blick erscheint das ganz einfach, bei genauerem Hinsehen ist die Sache mit dem Geschlecht jedoch komplexer – und bunter, als diese vertraute Einteilung glauben macht.

Was ist überhaupt "körperliches Geschlecht"?

Die Biologie unterscheidet mindestens vier Teilbereiche von Geschlecht

  • das chromosomale Geschlecht: Hier ist die Kombination von X- und Y-Chromosomen ausschlaggebend. Die Kombinationen XX und XY sind am weitesten verbreitet. In den meisten Fällen entwickelt sich daraus ein als weiblich (XX) oder ein als männlich verstandener Körper (XY). Andere Kombinationen sind beispielsweise XXY (mit einem zusätzlichen X-Chromosom), oder X0 (mit einem X-, aber keinem weiteren Geschlechtschromosom).
  • das gonadale Geschlecht: Dieses bezieht sich auf die Keimdrüsen – also Hoden oder Eierstöcke oder Keimdrüsen, die hoden- und eierstocktypisches Gewebe enthalten.
  • das morphologische Geschlecht: Es bezeichnet sowohl die sogenannten primären Geschlechtsmerkmale wie Penis, Eierstöcke, Hoden oder Vagina als auch die sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmale wie etwa Fettverteilung oder Bartwuchs und die tertiären Geschlechtsmerkmale wie Körperbau oder -größe.
  • das hormonelle Geschlecht: Es beschreibt die Konzentration von Sexualhormonen wie Progesteron, Androgenen und Östrogenen.

Wie viele Geschlechter gibt es?

Zwischen den verschiedenen Teilbereichen von körperlichem Geschlecht gibt es verschiedene Kombinationsmöglichkeiten: 

Sehr viele Menschen mit der Chromosomenkombination XY haben zum Beispiel einen Penis; manche aber auch Vulva und Vagina. Androgene und Östrogene – die einen gelten als "männliche", die anderen als "weibliche" Sexualhormone – sind bei allen Menschen in individuellen Konzentrationen vorhanden, die sich im Laufe des Lebens verändern können. Auch zwischen Penis und Klitoris, die aus dem Genitalhöcker des Embryos entstehen, gibt es ein Spektrum: Beide entwickeln sich erst ab etwa der neunten Schwangerschaftswoche auseinander und manchmal ist ein "sehr kleiner Penis" von einer "sehr großen Klitoris" gar nicht so leicht zu unterscheiden.

Diese körperlichen Geschlechtsmerkmale sagen übrigens nichts darüber aus, wie Personen sich selbst geschlechtlich verstehen und auftreten oder in wen sie sich zum Beispiel verlieben.

Warum ist es wichtig, das zu wissen?

"Die Natur liebt Unterschiedlichkeit; die Gesellschaft leider nicht", bringt es Milton Diamond, emeritierter Professor für Anatomie und reproduktive Biologie, auf den Punkt.1

Wir haben gelernt, über Geschlecht nicht in seiner tatsächlichen Vielfältigkeit zu sprechen und zu denken, sondern nur in den zwei scharf unterschiedenen und einander ausschließenden Modellen "Mann" und "Frau". Alles, was über diese Schubladen hinausgeht, wird dadurch leicht unsichtbar oder zum Problem. Und das betrifft konkrete Menschen und ihre Biografien: zum Beispiel Frauen mit Bartwuchs und Männer ohne, intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche, Erwachsene mit "zu wenig" oder "zu viel" Brust, "zu kantigen" oder "zu weichen" Gesichtszügen.

Über die Vielfalt zu sprechen, in der die Natur den Menschen hervorbringt, kann also Beschämung und NormierungGesellschaftliche Normen (lat. "norma": Richtschnur, Regel) bezeichnen allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Verhaltensregeln, die das Zusammenleben von Menschen organisieren. entgegenwirken und zu einer freieren Gesellschaft für alle beitragen.

1 Diamond, Milton (2013): "'Nature Loves Variety, Society Hates It' – Dr. Milton Diamond with Irene Diamond". In: YouTube, 24.12.2013, TC 0:0:20-0:0:25, eigene Übersetzung. Zuletzt abgerufen am 30.10.2018 von https://www.youtube.com/watch?v=6MvNisJ7FoQ.