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Ausgrenzung in der Szene

Zu alt, zu arm, zu queer, nicht queer genug – auch wenn Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- oder intergeschlechtliche Menschen unter sich sind, fühlen sich nicht alle gleichermaßen willkommen und respektiert. Wie kommt das?

In LSBTIQ-Räumen begegnen sich Menschen, die Ausgrenzung und Abwertung aus eigener Erfahrung kennen. Das Bedürfnis, sich davon eine Auszeit zu nehmen, ist ein Grund, warum es LSBTIQ-Orte, -Partys und -Gruppen gibt.

Doch auch in der Szene fühlen sich nicht alle gleich wohl, gibt es Zugangsschwellen und Hierarchien:

Das zeigt sich etwa, wenn es in einem schwulen Dating-Profil heißt: "keine Dicken, keine Tunten, keine Asiaten". Oder wenn eine lesbische Kontaktanzeige mit der Einschränkung endet: "no bi, no maskulin". Wenn Veranstaltungs- und Beratungsräume nicht im Rollstuhl zugänglich sind. Wenn queere Muslim_innen bloß als Träger_innen einer vermeintlich homofeindlichen "Kultur" – oder als deren hilflose Opfer – betrachtet werden. Wenn feminine Frauen auf Lesbenpartys Ausgrenzung erfahren, weil sie für heterosexuell gehalten werden.

Es zeigt sich auch, wenn bei Veranstaltungen und in Broschüren nicht an eine Übersetzung in Gebärdensprache und Leichte Sprache gedacht wird. Wenn man nur mit dem nötigen Kleingeld bei queeren Partys mitfeiern kann. Wenn in manchen Kreisen abgewertet wird, wer nicht in monogamer Paarbeziehung lebt, sondern wechselnde Sexualpartner_innen hat – während in anderen Kreisen nur diejenigen etwas gelten, die mit besonders vielen Menschen besonders experimentierfreudigen Sex haben.

Warum wird auch in LSBTIQ-Szenen diskriminiert?

Diskriminiert zu werden, macht noch nicht zum besseren Menschen. Ungleichheitsverhältnisse und Normen durchziehen die Gesellschaft und machen vor queeren Räumen nicht einfach Halt.

Es gibt aber auch spezifischere Erklärungen:

Demnach richteten manche LSBTIQ die Entwertungen, die sie oft schon früh für ihr Geschlecht, ihren Geschlechtsausdruck oder ihre sexuelle Orientierung erfahren haben, unbewusst gegen sich selbst und andere LSBTIQ.

Gemäß einer weiteren Erklärung könne der Wunsch, endlich dazuzugehören, zu einer Abgrenzung von denjenigen Szeneangehörigen verleiten, die für die cis-heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft besonders anstößig sind. Beispiele dafür sind der hohe Status, den "heterolike" Männer in schwulen Szenen genießen, und die Abwertung "zu schriller" Queers.

Andere LSBTIQ versuchten, sich von einer Außenwelt abzugrenzen, in der sie Schmerzhaftes erlebt haben. Dieses Bedürfnis könne dazu führen, dass jene LSBTIQ als bedrohlich wahrgenommen werden, die nicht durch entsprechende Codes ihre eindeutige Zugehörigkeit zum queeren "Wir" signalisierten.

Geht es auch anders?

Viele LSBTIQ-Gruppen und -Organisationen sind engagiert im Abbau von Diskriminierungen. Leider müssen dazu die jeweils betroffenen LSBTIQ meist erst beharrlich auf sich aufmerksam und deutlich machen: Wir gehören auch dazu! Oder sie schaffen sich ihre eigenen Empowerment-Räume: Queers of Colour vernetzen sich, LSBTIQ mit Behinderung gehen gemeinsam auf die Straße, dicke Queers reklamieren die Bühne für sich, Lesben laden zum Dyke* March ein …