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19.03.2020 | Aktuelle Meldung

Diskussion des Ethikrats zu trans* Kindern und Jugendlichen

Am 19. Februar 2020 veranstaltete der Deutsche Ethikrat eine Diskussion zu trans* Identität bei Kindern und Jugendlichen und veröffentlichte im Anschluss Empfehlungen. Dieser Artikel berichtet darüber und verweist auf weitere Beiträge zum Thema.

Im Rahmen der Veranstaltung des Deutschen Ethikrates diskutierten trans*Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Menschen, Kinder- und Jugendpsychiater, eine Rechtsprofessorin und eine Vertreterin vom Verein Trans-Kinder-Netz unter anderem, wie trans* Kinder und Jugendliche am besten unterstützt werden können.

Eine der zentralen Fragestellung war, wie und wann Kinder und Jugendliche Zugang zu geschlechtsangleichenden MaßnahmenAls geschlechtsangleichend werden medizinischen Behandlungen bezeichnet, die den Körper an die eigene Geschlechtsidentität anpassen. haben sollen, insbesondere zu sogenannten "Pubertätsblockern", welche die Pubertät herauszögern und dem Kind so mehr Zeit zur Entscheidung geben.

Eine Videoaufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier:

Abwarten ist für trans* Kinder und Jugendliche keine folgenlose Option

In der Diskussion um die Verschreibung von Pubertätsblockern und Hormonen bei trans* Jugendlichen wurde hervorgehoben, dass ein Abwarten oder gar eine Ablehnung von gewünschten Behandlungen im Jugendalter keine neutrale Option ist.1 Denn eine Nichtbehandlung entgegen der Wünsche der Jugendlichen führt in der Pubertät zu irreversiblen körperlichen Veränderungen, unter denen die Jugendlichen leiden, unter Umständen ihr Leben lang.

Auch erhöht sich mit ungewollten körperlichen Veränderungen (zum Beispiel einem Stimmbruch) für die Jugendlichen aufgrund von cisgeschlechtlichenDie Begriffe "cisgeschlechtlich", "cisgender" oder "cis" (lat. "cis-": diesseits) beschreiben Menschen, die sich dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. NormenGesellschaftliche Normen (lat. "norma": Richtschnur, Regel) bezeichnen allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Verhaltensregeln, die das Zusammenleben von Menschen organisieren. das Risiko, Gewalt und Stigmatisierung zu erfahren.2 Zudem kann eine Behandlungsverweigerung die psychische Belastung und das Risiko von Suizidalität erhöhen.3 Gleichzeitig haben trans* Jugendliche das Recht, über mögliche Nebenwirkungen – die wie bei allen medizinischen Behandlungen auftreten können – ausführlich und individuell aufgeklärt zu werden, damit sie eine informierte Entscheidung treffen können.

Dieser und weitere Hauptdiskussionspunkte der Veranstaltung werden auch in einer zusammenfassenden Berichterstattung des Deutschlandfunkes aufgegriffen.

Die Empfehlungen des Ethikrates

Im Anschluss an die Veranstaltung veröffentlichte der Ethikrat eine Ad-hoc-Empfehlung. Darin folgt er den trans*-bestärkenden Positionen, die eine klare Mehrheit der Diskutierenden vertrat.4 Wichtige ethische Grundsätze der Begleitung und Behandlung von trans* Kindern sollen demnach sein, das Persönlichkeitsrecht – inklusive der empfundenen GeschlechtsidentitätDie Geschlechtsidentität bezeichnet das Wissen und Empfinden eines Menschen über sein eigenes Geschlecht. – von jedem Kind anzuerkennen und es dahingehend zu unterstützen, dass es einen eigenen Entschluss fällen kann, wann und welche Behandlungen es will oder nicht will, sowie diesen zu respektieren. Dabei solle einer "diskriminierendenDiskriminierung (lat. "discriminare": trennen, unterscheiden) bedeutet, dass Menschen schlechter behandelt werden oder Nachteile für sie bestehen, weil sie bestimmte Merkmale haben beziehungsweise ihnen diese Merkmale zugeschrieben werden. PathologisierungPathologisierung bedeutet, dass die Identität, der Körper, die Empfindungen, Wahrnehmungen oder Beziehungen einer Person – entgegen deren eigener Wahrnehmung – als "krankhaft" oder "gestört" bezeichnet werden, weil sie von der Norm abweichen." von trans* Identität entgegengewirkt werden.5

Die Empfehlungen des Ethikrates verweisen zudem auf das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen. Dieses soll voraussichtlich 2020 in Kraft treten und verbietet alle Behandlungen, welche die selbstempfundene geschlechtliche Identität (oder sexuelle Orientierung) bei Kindern verändern oder unterdrücken wollen.6

Kein Rückschritt hinter bereits etablierte ethische Standards

Die trans*-bejahende Position des Ethikrates folgt damit in wichtigen Punkten den aktuellen "Standards of Care" (SOC 7) der World Professional Association for Transgender Health (dt.: Weltverband für Transgender Gesundheit, kurz: WPATH).7 Diese heben unter anderem als zentral hervor, dass psychologische und psychiatrische Fachkräfte weder eine negative Einstellung gegenüber trans* Identitäten noch eine binäre Sichtweise von GeschlechtGeschlecht ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Ordnungsprinzip und eine einflussreiche soziale Kategorie. Aber die Definitionen darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht, unterscheiden sich stark: … zum Ausdruck bringen sollen, sondern im Gegenteil Akzeptanz und Offenheit. Ebenso sollen sie trans* Kindern den Freiraum lassen, verschiedene Optionen des GeschlechtsausdrucksGeschlechtsausdruck bezeichnet die Art und Weise, wie Menschen ihre Geschlechtsidentität nach außen darstellen beziehungsweise sich geschlechtlich präsentieren. zu erkunden.8

Hintergrund der Diskussion des Ethikrates sind unter anderem transfeindliche Aufrufe dazu, es zu verbieten, trans* Kinder und Jugendliche medizinisch und psychologisch nach wissenschaftlich belegten, trans*-affirmativen Versorgungsempfehlungen zu behandeln.9 In den USA beispielsweise werden aktuell in mehreren Bundesstaaten Gesetzesentwürfe verhandelt, die eine solche medizinische Versorgung von trans* Kindern und Jugendlichen unter Strafe stellen würden.10

Auch in deutschen Medien argumentierten zuletzt Fachkräfte mit transfeindlichen Begriffen, die laut WPATH "unangebracht" und nicht wissenschaftlich belegt sind.11 WPATH ruft Fachkräfte und Wissenschaftler_innen dazu auf, keine Begriffe zu verwenden, die bei Eltern und Behandelnden Ängste davor schüren, dass Kinder und Jugendliche möglicherweise gar nicht trans* sind. Solch eine Einstellung kann bereits im Vorhinein einschränken, welche Behandlungsoptionen überhaupt erwogen werden.12

In Deutschland ist zurzeit eine neue Leitlinie zur Behandlung von trans* Kindern und Jugendlichen in Bearbeitung. Eine Leitlinie zur Behandlung von trans* Erwachsenen erschien 2018; 2019 veröffentlichte der Bundesverband Trans* einen ergänzenden Leitfaden, der die Inhalte der Leitlinie leicht verständlich zusammenfasst.

Auch auf dem Regenbogenportal finden sich Beiträge für medizinische, pflegerische und therapeutische Fachkräfte, die Hinweise zu einer fundierten und sensiblen Gesundheitsversorgung von trans* Menschen bieten.

Unterstützung für trans* Kinder und ihre Familien

Kinder und Jugendliche, die trans* oder möglicherweise trans* sind, sollen nicht psycho-pathologisiertPathologisierung bedeutet, dass die Identität, der Körper, die Empfindungen, Wahrnehmungen oder Beziehungen einer Person – entgegen deren eigener Wahrnehmung – als "krankhaft" oder "gestört" bezeichnet werden, weil sie von der Norm abweichen. werden. Denn trans* Kinder und ihre Familien benötigen nicht zwangsläufig eine psychotherapeutische Begleitung.

CommunityDer Begriff "Community" (dt.: Gemeinschaft, Gemeinde) bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen, Eigenschaften oder Erfahrungen einander zugehörig fühlen.-basierte Beratung, PeerberatungPeerberatung ist eine Beratung, bei der die_der Berater_in dieselben oder ähnliche Erfahrungen, Lebensumstände oder Identität(en) hat wie die Person, die beraten wird., Aufklärungsmaterial und Kontakte zu anderen trans* Kindern und deren Familien sind für viele sehr hilfreich und können gegebenenfalls schon ausreichend Unterstützung und Entscheidungshilfe bieten.

Auch auf dem Regenbogenportal finden sich Beiträge, die trans* Kinder und ihre Eltern informieren und bestärken:


Jung und trans*

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The World Professional Association for Transgender Health (WPATH) (2012): Standards of Care. Versorgungsempfehlungen für die Gesundheit von transsexuellen, transgender und geschlechtsnichtkonformen Personen. 7. Version. S. 26f. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von www.wpath.org/media/cms/Documents/SOC%20v7/SOC%20V7_German.pdf.

2 Ebd.; Nuttbrock, Larry/Hwahng, Sel/Bockting, Walter/Rosenblum, Andrew/Mason, Mona/Macri, Monica/Becker, Jefrrey (2010): "Psychiatric Impact of Gender-Related Abuse Across the Life Course of Male-to-Female Transgender Persons". In: The Journal of Sex Research. 2010, 47/1, S. 12-23.

3 Allen, Luke R./Watson, Laurel B./Egan, Anna M./Moser, Christine N. (2019): "Well-being and suicidality among transgender youth after gender-affirming hormones". In: Clinical Practice in Pediatric Psychology. 2019, 7/3, S. 302-311; Bailey, Louisa/Ellis, Sonja J./McNeil, Jay (2014): "Suicide risk in the UK trans population and the role of gender transition in decreasing suicidal ideation and suicide attempt". In: Mental Health Review Journal. 2014, 19/4, S. 209-220.

4 Deutscher Ethikrat (2020): Trans-Identität bei Kindern und Jugendlichen. Therapeutische Kontroversen – ethische Orientierungen. Ad-hoc-Empfehlung. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-trans-identitaet.pdf.

5 Ebd., S. 3.

6 Weiterführende Informationen zum Gesetz und den Gesetzestext finden sich hier: Bundesministerium für Gesundheit (2019): "'Es ist ok, so wie du bist.' – Therapien zur 'Heilung' von Homosexualität sollen künftig verboten werden. Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen." In: bundesgesundheitsministerium.de, 19.12.2019. Zuletzt abgerufen am 04.03.2010 von www.bundesgesundheitsministerium.de/konversionstherapienverbot.html.

7 The World Professional Association for Transgender Health (WPATH) (2012): Standards of Care. Versorgungsempfehlungen für die Gesundheit von transsexuellen, transgender und geschlechtsnichtkonformen Personen. 7. Version. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von www.wpath.org/media/cms/Documents/SOC%20v7/SOC%20V7_German.pdf.

8 Ebd., S. 19f.

9 The World Professional Association for Transgender Health (WPATH)/The United States Professional Association for Transgender Health (USPATH)/The European Professional Association for Transgender Health (EPATH) (2019): Statement in Response to Calls for Banning Evidence-Based Supportive Health Interventions for Transgender and Gender-Diverse Youth. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von www.wpath.org/media/cms/Documents/Public%20Policies/2019/FINAL%20Statement%20in%20Response%20to%20Calls%20for%20Banning%20Evidence-Based%20Supportive%20Health%20Interventions%20for%20Transgender%20and%20Gender-Diverse%20Youth%2011-20-2019.pdf.

10 The World Professional Association for Transgender Health (WPATH)/The United States Professional Association for Transgender Health (USPATH) (2020): Statement in Response to Proposed Legislation Denying Evidence-Based Care for Transgender People Under 18 Years of Age and to Penalize Professionals who Provide that Medical Care. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von www.wpath.org/media/cms/Documents/Public%20Policies/2020/FINAL%20Joint%20Statement%20Opposing%20Anti%20Trans%20Legislation%20Jan%2028%202020.pdf.

11 The World Professional Association for Transgender Health (WPATH) (2018): WPATH Position on "Rapid-Onset Gender Dysphoria (ROGD)”. Zuletzt abgerufen am 04.03.2020 von https://www.wpath.org/media/cms/Documents/Public%20Policies/2018/9_Sept/WPATH%20Position%20on%20Rapid-Onset%20Gender%20Dysphoria_9-4-2018.pdf

12 Ebd.